Verknallt ins Militär

Adriana Altaras inszeniert in Kassel Offenbachs "Großherzogin von Gerolstein"€œ

Schräge Militär-Satire: Szene aus der „Großherzogin von Gerolstein“ mit Gideon Poppe als Fritz (mit rotem Barrett). Fotos: Klinger

Kassel. Was für ein kesser Auftritt: Da kommt sie hoheitsvoll herein, begleitet von Hofdamen, die die meterlange Schleppe ihres Kleides tragen. Und sie bekennt jauchzend ihre Liebe zu schmucken Soldaten, „so in Uniform gesteckt, Männer stramm korrekt gestreckt“. Eine Steilvorlage für Belinda Williams bei der Kasseler Premiere von Jacques Offenbachs Opéra bouffe „Die Großherzogin von Gerolstein“.

Mit jugendlich-frischem Mezzosopran und viel Lust an karikierender Überzeichnung gibt die gebürtige Engländerin als Titelheldin eine ebenso liebestolle wie launische hohe Dame, mal herrisch, mal wie ein kleines Mädchen. Eine überzeugende Darbietung an einem eher mittelprächtigen Operettenabend.

Offenbachs 1867 in Paris uraufgeführte Abrechnung mit Militarismus, Hofschranzentum und der Willkür der Mächtigen ist ein wunderlich subversives, vor Albernheit strotzendes Stück. In seiner sehr französischen Melange aus Satire und Eleganz ist es allerdings nicht leicht auf die Bühne zu bringen. Zumal in deutscher Sprache, wie hier in der Textfassung von Wolfgang Böhmer, der sich manch witzige Formulierung wie „Es gibt ein generelles Generalverbot“ hat einfallen lassen.

Dirigent Alexander Hannemann realisiert Offenbachs freche musikalische Banalitäten mit Umsicht, gönnt den Sängern gefühlvolle Ritardandi und berücksichtigt das im Vergleich zum Französischen geringere Tempo des deutschen Idioms, was jedoch auch eine Einbuße an Spritzigkeit bedeutet.

Regisseurin Adriana Altaras inszeniert die Offenbachiade als Klamauk in konventionellen Bahnen – angesiedelt um 1960 in der Bonner Republik (Bühne und Kostüme: Yashi). So herrscht bei den Damen biederer Hausfrauenschick vor, und der großherzogliche Palast weckt Assoziationen an den ehemaligen Kanzlerbungalow. Eine sperrige Ästhetik.

Natürlich tummeln sich zahlreiche Uniformträger auf der Bühne – agil dabei die vier Tänzer, von denen einer auch mal im roten BH erscheint. Und es mangelt nicht an Slapstick bis hin zur heruntergelassenen Hose von Fritz. Der hat als einfacher Soldat die Begehrlichkeit der Herrscherin geweckt, bleibt aber trotz der Beförderung zum General seiner Freundin treu: Gideon Poppe singt den aufrechten Plebejer mit schlankem, etwas engem Tenor, während Jaclyn Bermudez als Herzensdame Wanda zu kraftvoller Höhe neigt.

Tenor Tobias Hächler wertet mit hellem Wohlklang die Rolle des tumben Prinzen Paul auf, der von der Großherzogin anfangs verschmäht wird, sie aber zuletzt doch bekommt. Marc-Olivier Oetterli leiht seine charakteristisch schneidende Stimme dem maulheldischen General Bumm. Überhaupt fügen sich alle in den klamaukigen Rahmen. So auch der viel geforderte, stimmstarke Opernchor. Aus seinen Reihen kommen zudem die vier Ehrendamen sowie der markante Bass Bernhard Modes, der sich in einer Doppelrolle vom Faktotum Nepomuk zum dandyhaften Baron Grog mausert.

Und die Publikumsreaktionen im fast vollen Opernhaus? In der Pause war zu merken, dass nicht alle Zuschauer die Aufführung goutierten. Doch am Schluss gab‘s minutenlangen Beifall.

Wieder am 1., 5. und 23.11. Karten: Tel. 0561 / 1094-222, www.staatstheater-kassel.de

Ensemble

Großherzogin von Gerolstein: Belinda Williams, Fritz: Gideon Poppe, Wanda: Jaclyn Bermudez

General Bumm: Marc-Olivier Oetterli Prinz Paul: Tobias Hächler

Baron Puck: Daniel Holzhauser

Nepomuk/Grog: Bernhard Modes, Ehrendamen: Nayeon Kim, Sabine Roppel, Ann-Christin Förste, Anja Lang.

Von Georg Pepl

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