Museum Ludwig in Köln versammelt mit der Ausstellung „Vor dem Gesetz“ viele documenta-Künstler

Die Verletzlichkeit des Menschen

Ein Ensemble aus Schrott, Abfall, Holz und Texten: Jimmie Durhams Installation „Building a Nation“. Fotos: Museum Ludwig/nh

Köln. Er ist eine der prägendsten Figuren der Gegenwartskunst: Im Museum Ludwig in Köln steht der langjährige Leiter, Kasper König, vor dem Eintritt in den Ruhestand. Der 68-jährige Initiator der „Skulptur Projekte“ Münster gehörte auch der Findungskommission an, die Carolyn Christov-Bakargiev als Leiterin der documenta 13 vorschlug.

Als seine letzte programmatische Kölner Ausstellung, in der man auf Schritt und Tritt früheren und aktuellen documenta-Künstlern begegnet (siehe Kasten), hat König eine anspruchsvolle, komplexe Auswahl zu einem schwierigen Thema getroffen: „Vor dem Gesetz“. Der Titel bezieht sich auf Kafkas gleichnamige Kurzgeschichte, in der ein Mann vom Lande einen Türhüter immer wieder vergeblich um Einlass in das Gesetz bittet.

Was bedeuten Gesetze, wer macht sie, inwiefern schränken sie Freiheit ein, oder ermöglichen sie gerade die freie Entfaltung? Unter welchen Bedingungen leben wir? Zu solchen existenziellen Fragen von Recht und Unrecht, Menschenwürde, Ausbeutung und Unterdrückung sind 28 starke Positionen versammelt.

Die Ausstellung greift - gerade in raumgreifenden Installationen - Kafkas Gedankenbild des Gesetzes als betretbaren Raum auf, zu dem es einen Zugang oder von dem es Ausschluss gibt. „Die Exklusive - zur Politik des ausgeschlossenen Vierten“ heißt auch Andreas Siekmanns Arbeit, die 2007 während der documenta das Denkmal des Landgrafen Friedrich auf dem Friedrichsplatz einbezog und die in Köln neu angeordnet ist. Er bezieht sich auf rechtlose Menschen, etwa illegale Einwanderer, die außerhalb der drei staatlichen Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative existieren.

Ausgangspunkt ist aber der in der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs geschundene, traumatisierte Mensch. Skulpturen von Germaine Richier, Alberto Giacometti, Fritz Cremer oder Gerhard Marcks zeigen seine Verletzungen. Gegenwartskünstler schaffen abstraktere Bilder (wie Zoe Leonards in Stücke zersägte, kahle Eiche, die nur durch Drahtseile und Metallspangen gehalten wird), sie schaffen Räume (wie Monica Bonvicini, die sich mit Fragen von Architektur und Geschlechterdifferenz auseinandersetzt), und sie nutzen neue Medien, wie William Kentridge, der mit Kohle auf großformatige Papiere zeichnet, die er abfilmt. Seine Bilder von Gewalttaten des Apartheid-Regimes in seiner Heimat Südafrika brennen sich ein.

Wie können Menschen in Würde leben? Auf welchen Werten beruht ihr Zusammenleben? Der Cherokee-Indianer Jimmie Durham, der schon voriges Jahr für die documenta 13 in der Kasseler Karlsaue zwei Apfelbäume gepflanzt hat, kombiniert in seiner deprimierenden Installation „Building a Nation“ Autoschrott, Kanister, Äste, Sperrholzplatten, Kunstrasen, Reifen, Teppichboden, Glasscherben: Sinnbild für Armut, für ein Hausen im Provisorium. Dazu stellt er Zitate, in denen Politiker und Soldaten des 19. Jahrhunderts sich unglaublich abschätzig über Indianer äußern. Die Indianer waren, als Amerika sich zur Nation formte, ausgeschlossen, das ist Durhams Botschaft, und sie sind es bis heute.

Bis 22.4., Heinrich-Böll-Platz (in Domnähe), Tel. 0221/22126165, www.museum-ludwig.de, Katalog: 24,80 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

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