Verloren im Nichts: Ausstellung „Nirgendwo“ im Kulturbahnhof

Intime Spuren fremden Lebens: Installation aus gefundenen Fotos von Dustin Schenk. Foto: von Busse

Kassel. Ein beklemmendes Gefühl der Verlorenheit stellt sich in der Ausstellung „Nirgendwo“ im Südflügel ein. Die sieben von der Projektgruppe 387 ausgewählten künstlerischen Positionen führen alle ins Ungefähre, Unheimliche, Unbestimmte.

Nichts lässt sich verorten, alles verschwimmt: Handelt es sich um Realität, Imaginäres, Ausgeburten einer düsteren Fantasie? Ein faszinierendes Spiel mit Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Dustin Schenk hat gefundene Fotos aus einem Kasseler Abbruchhaus ausgebreitet. Das Leben darauf scheint ausgelöscht, die Bilder sind ausgeblichen, zerkratzt, zerfressen. Wer sind diese Menschen, wie mag es ihnen heute gehen? Aber was geht uns das an? Nichts – und trotzdem berührt dieser intime Blick in fremde Leben, als Sinnbild der Vergänglichkeit.

Die Ausstellung – nach „Unterwegs“ und „Vor Ort“ im Lauf des Jahres nun also „Nirgendwo“ – entführt bis in das selbsterschaffene Reich „Milenia“, das Milen Krastev seit Jahren in allen möglichen Medien entwirft, und in die Weiten des Universums. Flaut Michael Rauch hat aus Fruchtgummi, Möbelpolitur oder Liebesperlen vermeintlich kosmische Phänomene gebildet, die wissenschaftliche Forschung naiv erscheinen lassen: Das All zu erreichen, zu verstehen, gar zu beherrschen, ist eine Illusion.

Fiktive Schauplätze, erfundene Wahrheiten – vor allem die Fotografie komme als Medium der Authentizität nicht mehr in Betracht, sagte Dr. Harald Kimpel in seiner Einführung: „Fotografie führt uns heute besser in die Irre, als es Malerei je gekonnt hat.“ Stefan Gebhardt misstraut der dokumentarischen Glaubwürdigkeit von Pressefotos, die er aus dem Kontext löst, übermalt, ihnen einen neuen Sinn verleiht.

Melanie Vogel zeigt riesige Screenshots von Skype-Gesprächen mit ihrem Jitter-Effekt, also leichten Schwankungen der Übertragung. Ein lediglich virtuelles Beisammensein: „Man muss nirgendwo wirklich sein, um sich unterhalten zu können“, so Kimpel über das „Rendezvous im Nirgendwo“. Frederick Vidal ist mit der Kamera in den städtischen Untergrund gestiegen. In dieser Unterwelt findet er Relikte des Lebens und Spuren von Verfall gleichermaßen. „Hades“ heißt eine seiner Aufnahmen sinnigerweise. Nils Klinger steuert phänomenale Bilder von außerirdischen Landschaften bei: merkwürdige Erhebungen im Niemandsland mit rätselhaften Konturen. Es sind die Abraumhalden unseres industriellen Rohstoff-Raubbaus.

Bis 14. Dezember, täglich 14-18 Uhr. Rundgang mit Künstlergespräch: Sonntage 30.11., 15 Uhr, und 14.12., 14.30 Uhr.

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