Neu im Kino: Ulrich Köhlers Afrika-Drama „Schlafkrankheit“ um einen deutschen Arzt

Weg ins Verlorensein

Undurchdringlicher Dschungel: Alex (Jean-Christophe Folly, hinten) verfolgt Ebbo (Pierre Bokma). Foto:  Farbfilm/nh

Ulrich Köhler wuchs als Kind von Entwicklungshelfern in Zaire, der heutigen demokratischen Republik Kongo auf. Seine Familie gehörte zu den Expats, jenen Weißen, die für ein paar Jahre zum Arbeiten ins Ausland geschickt werden und sich dort mit der fremden Mentalität auseinandersetzen müssen - was dadurch erleichtert wird, dass die Neuankömmlinge materiell oft deutlich besser gestellt sind als die einheimische Bevölkerung. „Ich kenne die Menschen, von denen ich erzähle“, sagte Ulrich Köhler bei der Berlinale, wo sein Film „Schlafkrankheit“ im Februar den Bären für die beste Regie bekam.

In einer Zwischenwelt

Köhler erzählt von dem deutschen Arzt Ebbo (Pierre Bokma), der im kamerunischen Yaounde ein Forschungsprojekt betreibt und vor der Frage steht, ob er nach Europa zurückkehren soll. Was seine Frau sich wünscht. Was er sich nicht mehr vorstellen kann. Ebbo ist heimatlos geworden, hängt in einer Zwischenwelt fest, die sich nur mit einer Mischung aus aufgeblähtem Herrenmenschenego und zur Schau gestelltem Überdruss bewältigen lässt.

In wunderbar lässigen Szenen stellt Bokma seine leicht verwahrloste Figur und ihr Gefühl der Fremdheit vor. Bis der Film drei Jahre in die Zukunft springt.

Köhler begibt sich im zweiten Teil auf die Spur des dunkelhäutigen Arztes Alex (Jean-Christophe Folly). Er soll im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation nachsehen, was aus Ebbos Forschung geworden ist.

Alex hat zwar kongolesische Wurzeln, er hat aber keinen Bezug zu Afrika. Auch ein Fremder. Den die verwahrloste Forschungs-Station befremdet, wo kein Ebbo zu sehen ist. Gearbeitet wird da offenbar nicht mehr, die Hühner haben sich überall ausgebreitet, eine Einheimische bekommt ein Kind. Sie ist Ebbos neue Frau. Alex haftet sich an die Fersen des Deutschen und taumelt mit ihm immer tiefer in den undurchdringlichen Dschungel hinein. Ebbo arbeitet für ein touristisches Projekt - aber geht das wirklich voran? Ebbo geht auf die Jagd, aber will er wirklich etwas schießen? Immer unklarer wird der Weg der beiden Männer, immer dunkler die Stimmung.

Ulrich Köhler wird den Regisseuren der Berliner Schule zugerechnet, die sich durch einen zurückgenommenen, klaren und oft assoziativen Stil auszeichnet, der nicht alles auserzählt. In seiner in Kassel gedrehten Arbeit „Montag kommen die Fenster“ ist das perfekt auf den Punkt gebracht. Bei „Schlafkrankheit“ wird das Thema Fremdheit zwar stilistisch anspruchsvoll und gelungen umgesetzt, im zweiten Teil wird die Distanzierung aber so stark, dass das Verfolgen schwer fällt.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: !!!::

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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