Die verrückte Schwester im Kino: „Barfuß auf Nacktschnecken“ mit Diane Kruger und Ludivine Sagnier

Zwei Welten prallen aufeinander: Die verwirrte Lily (Ludivine Sagnier, links) und ihre Schwester, die Karrierefrau Clara (Diane Kruger), in Fabienne Berthauds „Barfuß auf Nacktschnecken“. Foto:  Alamode/ nh

Lily (Ludivine Sagnier) lebt in ihrer eigenen Welt. Die ist bunt und ganz nah an die Natur herangebaut. Wie ein riesiges Kind tollt sie im kurzen Flickenkleid über die Wiese. Wenn sie auf dem Weg ein totes Tier findet, kommt das zu Hause ins Tiefkühlfach. Aus den Pelzen näht sie Pantoffeln und Skulpturen.

Den Bäumen im Wald häkelt sie bunte Kleider. Die Äste sind mit Armen, Beinen und Köpfen von Puppen verziert. In ihrer Holzhütte baumelt ein Teddy, den Strick um den Hals an der Decke.

In der überbordenden Fantasie, mit der Lily ihre Welt gestaltet, wohnt auch immer ein gutes Stück Morbidität. Mit ihrer Mutter lebt die kindlich gebliebene junge Frau in einem idyllisch abgelegenen Landhaus. Als die Mutter plötzlich stirbt, ist klar, dass Lily ihr Leben nicht allein meistern kann.

Die große Schwester Clara (Diane Kruger), die in Paris als Anwaltsgehilfin arbeitet und mit ihrem Chef verheiratet ist, reist an, um nach der Beerdigung die Dinge zu regeln. Unter der Woche soll sich eine Nachbarin um Clara kümmern, am Wochenende Lily selbst.

Aber schon bald wird klar, dass die verwirrte Schwester mit der Betreuerin nicht zurechtkommt. Der Versuch, Lily nach Paris zu holen, scheitert ebenfalls, als sie schon während der ersten Tage im Großstadtchaos verloren geht.

Und so ziehen beide gemeinsam zurück in das Elternhaus auf dem Land. Durch das ganz am Augenblick orientierte Wesen der verwirrten jüngeren beginnt die vernünftige, große Schwester, das eigene Leben zu hinterfragen, gerät dabei aber durch Lilys direkte, oftmals auch verletzende Art deutlich an die eigenen Grenzen.

Farbenfrohe Ausstattung

Ein wenig zu plakativ ist die Grundkonstellation der beiden verschiedenen Schwestern in Fabienne Berthauds „Barfuß auf Nacktschnecken“ schon geraten. Hier die grau gekleidete Anwaltsgehilfin, die ihr großstädtisches Leben an der Seite eines jungen Karrieristen fest im Griff hat. Dort die flippige Kindfrau, die in den Tag hinein lebt.

Aber je weiter der Film fortschreitet, umso stärker werden die Figuren konturiert und die Risse in den grundverschiedenen Schwesternseelen sichtbar. Dabei lebt der Film vor allem von der verspielten Genauigkeit, mit der Sagnier ihre Figur zwischen Naivität, Wahnsinn und erstaunlicher Hellsichtigkeit zeichnet, und der liebevollen Ausstattung, mit der die Künstlerin Valérie Delis die Innenwelten der Figur in farbenfrohen Naturskulpturen spiegelt.

Optisch hat der Film eine Vielschichtigkeit, die inhaltlich allerdings keine Entsprechung findet. Dass die „Normalen“ ihre Lebenslektion von den „Verrückten“ lernen, ist zwar ein sehr menschenfreundliches, aber auch abgegriffenes Klischee.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 6

Wertung: drei von fünf Sternen

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