Zum Verrücktwerden: Prinzip Gonzo spielt am Jungen Theater Göttingen

+
Lassen sich nicht nur Erbsensuppe schmecken: Gintas Jocius (von links), Robert Oschatz, Robert Hartmann und Elisabeth-Marie Leistikow im Jungen Theater Göttingen.

Göttingen. Am Jungen Theater Göttingen inszenieren Alida Breitag und Robert Hartmann von der Theatergruppe Prinzip Gonzo „Candide oder You are (not) in Wonderland“ als verrückte Tour de Force, die einmal um den ganzen Planeten führt.

Wenn Gott gut ist, warum ist die Welt dann so schlecht? Der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz löste dieses Problem 1710 wie folgt: Wir leben in der besten aller möglichen Welten. Krieg, Armut und Gewalt sind keine Belege für einen unvollkommenen Gott, sondern Folgen des Missbrauchs menschlicher Willensfreiheit. „Die Theorie ist Quatsch“, findet Elisabeth-Marie Leistikow. Und deshalb sei Leibniz heute auch nur noch als Keks bekannt.

Auch der französische Philosoph Voltaire hielt Leibniz’ Theorie für Unfug. Er setzte ihr die satirische Novelle „Candide“ entgegen, in der er dem gleichnamigen Titelhelden das ganze Leid der Welt hautnah erfahren lässt.

Jeder der drei Schauspieler hat eine halbe Stunde Zeit, um zehn Kapitel aus „Candide“ nachzuerzählen. Robert Oschatz beginnt. Candide wird von seinem westfälischen Heimatschloss vertrieben. Bei den Bulgaren gerät er in einen grausamen Krieg. In Lissabon bricht ein Erdbeben über ihn herein. Seine geliebte Kunigunde wird vergewaltigt.

Oschatz erzählt in schnellem Tempo, während er aufgeregt über die Bühne stampft und in alle Rollen schlüpft. Für den Zuschauer ist es nicht leicht, der Geschichte zu folgen. Der Part von Gintas Jocius ist der unterhaltsamste des Stücks. Candide muss nach einem Doppelmord nach Buenos Aires fliehen.

Jocius karikiert den naiven Titelhelden tänzelnd und „Dumdidum“-summend. Es wird klar: Candide ist überhaupt nicht in der Lage, irgendetwas in seinem Leben bewusst zu entscheiden. Von der Welt überfordert, stolpert er von einer Katastrophe in die nächste.

Die Schauspieler, die gerade nicht erzählen, nehmen an einem der drei Schreibtische am Bühnenrand Platz. An einem wird ein westfälischer Eintopf gekocht. An einem anderen werden Din-A-4-Ausdrucke mit guten und schlechten Phänomenen der Welt mit Textmarker bearbeitet und an eine Stellwand geheftet.

Am gegenüberliegenden Bühnenrand sitzt Robert Hartmann. Auf Zuruf untermalt er das Bühnengeschehen musikalisch an Keyboard oder Klavier. Die Zuschauer sitzen sich auf zwei Tribünen gegenüber. Die Handlung auf der Bühne dazwischen wird so zusätzlich beschleunigt. Denn die Schauspieler müssen während ihres Parts nicht nur alle Rollen übernehmen, sondern auch noch zu zwei Seiten spielen.

Elisabeth-Marie Leistikow gibt die Nacherzählung in ihrem Part auf. Sie versucht, die Frage nach dem Leid selbst zu beantworten. Der Versuch muss natürlich scheitern. Plötzlich ruft jemand: „Ich glaube, die Suppe ist fertig.“ Und das Stück ist beendet.

Nächste Aufführungen am 8., 17. und 25. April, Junges Theater Göttingen, Hospitalstraße 6. Karten unter 0551/495015

Von Valerie Schmidt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.