Verschwunden im Bett

Eine Bühne in steter Verwandlung: Hier sind Burkhard Fritz (Parsifal, links) und Kwangchul Youn (Gurnemanz) zu sehen. Foto: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Bayreuth. Die Nahaufnahme zur Totalen: Wenn am 11. August ein großes Publikum Gelegenheit hat, Stefan Herheims wunderbare „Parsifal“-Inszenierung aus Bayreuth in rund 100 Kinos live anzusehen, werden die Kameras zusätzliche Entdeckungen ermöglichen und vielleicht das ein oder andere Bühnengeheimnis lösen helfen. Zum Beispiel, wie im dauerpräsenten Bett in der Bühnenmitte Figuren auftauchen und zwischen den Laken auch wieder verschwinden können.

Ein Augenschmaus ist diese bildgewaltige Produktion, die bei ihrer Wiedervorlage am Sonntag im Festspielhaus mit viel Jubel über die Bühne gegangen ist. Heike Scheeles Bühne befindet sich in steter Verwandlung, hier wird aus einem Salon ein Garten, dort plätschert ein Brunnen, hier klappt ein Wandgemälde herunter für den Kurzauftritt einer Figur, dann bezieht ein riesiger Spiegel das Publikum ins Geschehen ein. Es ist ein Coup, diese Inszenierung auf die Leinwände zu holen. Für Bayreuth ist das Kino-Debüt der richtige Weg, die Welt des Grünen Hügels für die Zukunft zu öffnen. Stefan Herheims ebenso intelligente wie sinnliche Produktion eignet sich dafür ideal. Und ihr wird im Abschiedsjahr nochmal die gebührende Aufmerksamkeit zuteil, bevor der „Parsifal“ 2016 mit Kunstprovokateur Jonathan Meese eine Neuinterpretation erfahren wird.

Der neue Dirigent Philippe Jordan füllt ungeheuer viel Wärme in die Musik, mit breitem Pinsel malt er leuchtenden Orchesterklang. Burkhard Fritz ließ trotz seines beweglichen Tenors in der Titelrolle Ausstrahlung vermissen. Susan Maclean gab ihrer Kundry warme Sinnlichkeit. Kwangchul Youn errang den meisten Applaus für seinen souveränen Gurnemanz mit dunkel leuchtendem Bass. Strahlend der Bariton von Detlef Roth als Amfortas, dämonisch Thomas Jesatko als Klingsor.

Stefan Herheim erzählt zwei millimetergenau ineinandergefügte Geschichten. Die Gralsritter aus Richard Wagners Vorlage bindet er ein in eine Zeitreise zur Geschichte Bayreuths und Deutschlands - von der Reichsgründung 1870 über zwei Weltkriege bis hin zum Neustart für die Festspiele 1951 und in den Bonner Bundestag: Stunde Null, das passt zum Streben nach Erlösung.

Zusätzlich wird Parsifals Schicksal psychoanalytisch betrachtet - wobei das ominöse Bett eine zentrale Rolle spielt. Zur Ouvertüre sehen wir den kleinen Jungen Parsifal am Totenlager seiner Mutter Herzeleide. Das Geschehen entfaltet sich als Traum des Matrosenanzug tragenden Blondschopfs (Kostüme: Gesine Völlm). Der Kleine steht neben seinem Schaukelpferd und sieht der eigentlichen Handlung zu.

Und wenn der erwachsene Parsifal den Schwan tötet, trifft sein Pfeil mit dem Federvieh auch den Jungen. Das alles ist so präzise durchgearbeitet, dass Herheims Ideen nie aufgepfropft wirken. Alles wird durch den Text beglaubigt. So soll Regietheater sein. Wenn Gurnemanz schließlich nach der Gralsprozedur Parsifal fragt „Weißt du, was du sahst?“, spricht er auf einmal wieder mit dem Kind, das nun aus dem Schlaf erwacht. War alles nur Traum?

Von Bettina Fraschke

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