Der Komponist und Dirigent Pierre Boulez ist 85

Versöhnt mit den Opernhäusern

Pierre Boulez Foto: dpa

Die 50er- und 60er-Jahre des vorigen Jahrhunderts waren eine Zeit des Aufbuchs in der Musik, wie man sie sich heute nur schwer vorstellen kann. Und der junge Pierre Boulez war einer derjenigen, die an der Spitze des Fortschritts standen. Heute feiert Boulez seinen 85. Geburtstag und ist immer noch eine der prägenden Gestalten des Musiklebens.

„Schönberg ist tot“, lautete in den 50ern sein Motto. Der Kompositionsschüler von Olivier Messiaen hatte Großes vor: „Ich wollte aus meinem Vokabular absolut jede Spur des Überkommenen tilgen.“ Aleatorik (Zufallsfolgen), Elektronik, Mikrotonalität sind einige Stichworte für seine Versuche. Neue Musik: Nie wieder hatte dieser Begriff einen solch revolutionären Klang.

Hört man heute seine Kompositionen, zum Beispiel „Le marteau sans maître“ für Altstimme, Altflöte, Gitarre, Vibrafon, Xylofon, Schlagzeug und Viola auf Texte des des Résistance-Dichters René Char, die 1955 in Baden-Baden uraufgeführt wurde, dann teilen sich Radikalität und Größe dieser Musik mit - und vieles, was heute komponiert wird, wirkt dagegen wenig ambitioniert.

Boulez, der am 26. März 1925 in Montbrison im französischen Département Loire geboren wurde, wollte aber nicht nur Neues schaffen, er wollte auch das Musikleben umkrempeln. Mit der Forderung, die Opernhäuser in die Luft zu sprengen, verschreckte er das Bürgertum.

Es ist eine kleine Ironie der Musikgeschichte, dass Boulez Jahre später am Dirigentenpult stand, als in Bayreuth sich die Oper selbst revolutionierte: mit der Chereau-Inszenierung von Wagners „Ring des Nibelungen“ im Jahre 1976. Auch bei Schlingensiefs „Parsifal“ von 2004 hatte Boulez die musikalische Leitung.

Heute kennen die meisten Musikfreunde Boulez durch seine Zweitkarriere als Dirigent, der alle großen Orchester dieser Welt geleitet und selbst das „Ensemble Intercontemporain“ für zeitgenössische Musik gegründet hat. Kaum ein anderer kann musikalische Strukturen so transparent machen wie Boulez, der unaufgeregte Orchesterleiter, dessen Markenzeichen der abgespreizte kleine Finger ist.

Der mit den höchsten Preisen geehrte Boulez lebt allein und ganz für die Musik in Baden-Baden, der Stadt, die zu seiner Heimat wurde.

Von Werner Fritsch

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