Ätherisches Debüt-Album von FKA Twigs

Vertrackt und voller Liebeskummer

Träumerisch: Sängerin Tahlilah Barnett. Foto:  nh

Das klingt wie der Gesang eines angeschossenen Rehs. Die Tänzerin und Sängerin Tahlilah Barnett aus dem südwestenglischen Gloucestershire präsentiert sich mit ihrem Projekt FKA Twigs und erinnert klanglich an das Duo Portishead.

Selbst wenn man keinen Schimmer hätte, worum es in ihren Texten geht, weil Barnett auf Marsianisch sänge, würde man beinahe jeden Eid darauf schwören, dass sich die junge Frau durch eine Welt angeknackster Herzen barmt und vom großen Begehren singt, so wie sie auf ihrem Debüt „LP1“ schluchzt, seufzt und haucht. Und genauso ist es. Küssen, anfassen, vermissen, verlassen. Die Liebe, immerdar.

Vermutlich könnte FKA Twigs auch vom Gebiss ihrer Großmutter singen, raushören würden das die wenigsten. Im Pop geht’s durchaus ums Zuhören, selten jedoch ums Verstehen. Die Aufmerksamkeit gilt den Grooves und Beats. Seit ein paar Jahren gilt sie außerdem verstärkt ätherischem Kunstgesang mit R&B-Verstärkung.

Der irrlichternde Sopran von FKA Twigs passt zum Zeitgeist ganz hervorragend. Dass ihr melodienführender Neo-Soul-Gesang in puncto Tragik und Stimmlage stark an die junge Beth Gibbons erinnert und damit an frühe Portishead-Platten, füllt den Bauch mit warmen, nostalgischen Erinnerungen an die guten alten Neunziger. TripHop, wie das damals hieß, gibt’s auf „LP1“ dennoch nicht zu hören. Man kann seinen Spaß haben, an den herrlich verzwirbelten Beats, an all den richtungslos durch den Raum zischenden, schlurfenden und hüpfenden perkussiven Kleinigkeiten, an schwer schleppenden Grooves und ziemlich tiefen Bässen.

Auch die Synthesizer-Fanfaren gehen in Ordnung: Sie dringen durch, drängen sich aber nicht auf. Der Funk der Platte kommt von IDM (Intelligent Dance Music) und experimentellerem Post-Dubstep. Er ist in sich statisch, da er sich allenfalls an die beweglichsten der begabten Wochenendtänzer richtet.

Ein bisschen schade ist es schon, dass für Sounds und Beats nicht FKA Twigs verantwortlich zeichnet, sondern der Venezolaner Alejandro Ghersi alias Arca. Sie ist ganz seufzender Körper und zeigt ihr (virtuelles) Gesicht, er dreht im Hintergrund die Knöpfe. Arbeitsteilung ist nie verkehrt, aber diese hier ist wieder mal allzu typisch.

FKA Twigs: „LP1“ (Young Turks / Beggars Group / Indigo), Wertung: !!!:+

Von Michael Saager

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.