Staatstheater Wiesbaden zeigt „Emilia Galotti“

Verunsicherung lässt sie taumeln

Die Verzweiflung wächst: Franziska Werner (Emilia) und Jürg Wisbach (Prinz). Foto:  Obst

Wiesbaden. Mutige Regisseure versuchen sich immer wieder einmal an Gotthold Ephraim Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“. Und keiner von ihnen kommt an dem sinnlosen Mord eines liebenden Vaters vorbei, der bürgerliche Unschuld nicht zum Spielball eines dekadenten, gelangweilten Zwergstaaten-Souveräns werden lassen will.

Das Ende ist trostlos: Zerstört das Leben der tief betroffenen Mutter wie des zum Mörder gewordenen Vaters. Zerstört ist auch der Gräfin Hoffnung auf Rückgewinnung des Prinzen und dessen Verlangen nach dem Bürgermädchen, das er zu erobern suchte, koste es, was es wolle.

Regisseurin Ricarda Beilharz hat am Staatstheater Wiesbaden Lessings Werk auf 100 pausenlose Minuten eingedampft und auf jede Ausstattung verzichtet. Im kargen Einheitsbühnenbild liegen viel feuchte Erde und blühende Rabatten.

Alles ist auf das Beziehungsgeflecht um die wie in Trance durch den Abend wandelnde Emilia konzentriert, deren scheinbar glückliche Liebe zu Graf Appiani durch das Nachstellen des Prinzen erschüttert wird. Verstört taumelt sie dahin, verliert die innere Orientierung, erkennt mit Erschrecken ihre Verführbarkeit und sieht als einzigen „Ausweg“ den Tod, den sie vom Vater erfleht. Der Blumenflor mutiert zum Grabschmuck.

Franziska Werner ist eine überzeugende Emilia, die mit mädchenhafter Verliebtheit und wachsender Verzweiflung wie eine Schlafwandlerin durch den Abend geistert. Jürg Wisbach gibt dem bald arrogant-anmaßenden, bald kumpelhaften Prinzen, der alles haben, aber für nichts einstehen will, glaubhaftes Profil. Michael von Burg spielt den abgefeimten Marinelli als tückisch grinsenden Kammerdiener, der seine Abscheu gegen die Kaste der Herrschenden mit jedem Wort zum Ausdruck bringt und die Tragödie auslöst. Starker Beifall für Regie und Ensemble.

Wieder am 23. und 30.4., Tel. 0611/ 132325.

Von Britta Steiner-Rinneberg

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