Neu im Kino: Auch in der US-Version überzeugt der Krimi „Verblendung“

Verwundete Kriegerin

Notdürftiges Verarzten: Journalist Mikael (Daniel Craig) wurde angeschossen und wird versorgt von Computerhackerin Lisbeth Salander (Rooney Mara). Foto:  Sony

Mit einem Stück Zahnseide näht Lisbeth die Schusswunde an Mikaels Schläfe. Eine schmerzhafte Angelegenheit, trotz einer Flasche Schnaps, die äußerlich wie innerlich zur Desensibilisierung angewendet wird, während Mikael in der blutverschmierten Badewanne kauert. Der Journalist ist gerade mit dem Leben davongekommen bei seinen Ermittlungen zum Verschwinden einer Frau in Nordschweden.

Als der Schnüffler und die Computerexpertin tiefer in den Fall eintauchen, erkennen sie, dass sie es mit einer grausamen Mordserie an Frauen zu tun haben, die noch nicht beendet ist. Und dass jemandem diese Ermittlungen überhaupt nicht passen. Nach einer schwedischen Verfilmung von 2009 inszeniert nun US-Regisseur David Fincher Stieg Larssons Krimiklassiker „Verblendung“ neu. Düster, rau, mit beeindruckenden Bildern.

Das ist zum Glück kein glatt gebügeltes Mainstream-Kino. Auch die Altersfreigabe ab 16 ist angemessen - es wird nicht nur einmal vergewaltigt. Fincher arbeitet klar für die Kinoleinwand, das macht einen Unterschied zum Vorgängerfilm, der toll war, aber erkennbar ein Hybrid zwischen TV- und Kinoerfordernissen.

Fincher verknappt die komplexe Geschichte mit ihren vielen Seitensträngen und Ortswechseln bis an die Grenze zur Verständlichkeit. Aber er widersteht der fernsehtypischen Versuchung, die Figuren im Dialog alles noch mal erklären zu lassen. Sein Film arbeitet stattdessen sehr visuell, in schnellen Schnitten und mit fast diahaft kurzen Bildabfolgen erleben wir den Ermittlungsfortschritt.

Dagegen nimmt sich der Regisseur viel Raum, seine beiden faszinierenden Hauptfiguren vorzustellen. Daniel Craig überzeugt als einzelgängerischer Journalist Mikael Blomqvist, den er zwar mit hohen Moralprinzipien, aber auch als gebrochene Person zeigt.

Eine Entdeckung ist Rooney Mara als Lisbeth Salander. Rollenvorgängerin Noomi Rapace hatte die Anspruchslatte schon enorm hoch gelegt. Mara findet aber einen eigenen Zugang für diese ungewöhnlichste Filmheldin seit Langem. Lisbeth ist eine Amazone, eine unerschrockene Kriegerin, die aus tiefster sexueller, familiärer und behördlicher Demütigung nicht Resignation, sondern Stärke zieht. Rooney Mara lässt ihr trotzdem immer ein Geheimnis. Und gibt dem blassen, dünnen Mädchen mit den Piercings, Tattoos und Motorradstiefeln ein großes Stimmungsrepertoire mit: Sie legt unverhohlene Ablehnung in ihren Blick oder eine Verschlossenheit an der Grenze zum Zurechnungsfähigen. Sie rächt sich nach dem Auge-um-Auge-Prinzip bei einem Peiniger und wirkt kurz darauf beim nächtlichen Gang durch die Stadt schutzbedürftig wie ein Vogelbaby.

Wie sie langsam Vertrauen fasst zu Mikael, innerlich eine kleine Tür öffnet und Wärme strömen lässt, zeigt sie fast nur mit ihren hellblauen Augen, die noch größer scheinen, und ihrem Blick, der für eine intime Nacht ganz weich wird.

Genre: Krimi

Altersfreigabe: ab 16

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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