Vorbote der documenta 13: Pierre Huyghes Film heute in Kassel

Verzaubertes Museum

Kindheitsängste werden wach: Eine Frau in Hypnose - ein Foto von Pierre Huyghe zu „The Host and the Cloud“. Foto: Marian Goodman Gallery,

Berlin/ Kassel. Das weiße Kaninchen bringt im Kinderbuchklassiker Alice dazu, sich ins Wunderland zu begeben - wo rätselhafte Wesen ihren Beschäftigungen nachgehen. Ein weißes Kaninchen lockt auch in Pierre Huyghes aufwendigem Filmprojekt. Mal als echter flauschiger Hoppelhase, mal als animierte Figur.

Der Zweistünder „The Host and The Cloud“ des französischen Künstlers ist ein früher Vorbote der documenta 13, die 2012 stattfindet. Bei der Berlinale wurde er gestern in der experimentellsten Festivalsektion „Forum expanded“ im Theater Hebbel am Ufer gezeigt. In der documenta-Stadt Kassel ist er heute im Gloria-Kino zu sehen.

Der Pariser Huyghe (49) verwandelt das Pariser Musée des arts et traditions populaires (Völkerkundemuseum) in sein Wunderland. An drei Feiertagen hat er in dem weitläufigen Haus mit Museumspersonal und Gästen gearbeitet: Halloween, Valentinstag und 1. Mai.

Das Ergebnis sind teils improvisierte, teils geplante Szenen ohne durchgehende Handlung. Die Bildqualität schwankt zwischen ausgefeilter Beleuchtung und Perspektivenwahl bis zu huschiger Wackelkamera im Dunkeln.

In Gängen, Lagern, Toiletten, im Foyer und in den Ausstellungsräumen regt sich Leben - das tote Museum wird zum verzauberten Ort. Lose lassen sich manche Begebenheiten auf ihren Entstehungstag zurückführen: Hexen mit Hakennase höhlen Kürbisse aus, Liebesäpfel werden in Zuckersirup getaucht, revolutionäre Aktivistenpamphlete verlesen. Zu erleben gibt es in dem französisch- und englischsprachigen Film unter vielem anderem:

• Schattenspiele mit Händen an der Wand

• herumrennende Welpen

• eine Geburtstagstorte wird angeschnitten

• eine schwarze Messe mit nackten Frauen

• ein Hypnotiseur lässt eine Frau Kinderängste aussprechen

• ein Mann mit dem Kopf in einem Pappkarton berichtet vom Massaker am chinesischen Tiananmen-Platz

• ein König im Hermelinmantel schwört seinem Land Treue

• eine Frau führt die genau wie sie selbst aussehende Marionette über den Flur

• ein Mann erzählt Kindern ein Märchen vom geheimnisvollen Labyrinth

• aus einer Frühstücksflockenbox werden lebende Kaninchen herausgeholt

• Menschen nähern sich einander liebevoll an und landen in einer Sexorgie

• Frankreichs Supermodel Audrey Marney funktioniert das Foyer zum Laufsteg um

An vielen Stellen geht es um das Spiel mit Identitäten. Wer bin ich? Wo inszeniere ich mich? Wo ist das öffentliche Leben selbst eine Inszenierung? Die Akteure tragen teilweise leuchtende Gesichtsmasken, die ihre Individualität verbergen.

Huyghe will die Grenze zwischen Film und Installation sprengen. Idealerweise gehört der Film jedoch in eine Ausstellung - wo er mit dem Raum korrespondieren kann.

Ab 18 Jahren, heute, 16 Uhr und 20 Uhr, Gloria-Kino, Fr.-Ebert-Str. 3, Kassel, von 18-20 Uhr Gespräch zwischen dem Künstler und documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev in Englisch (keine Übersetzung). Karten: 0561-7667950.

Von Bettina Fraschke

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