Vicky Leandros: "Ich mach stets dieselben Fehler"

"Ich weiß, dass ich nichts weiß", singt Vicky Leandros auf ihrem neuen Album, mit dem sie ihr 50. Bühnenjubiläum feiert. Im Interview kritisiert die Deutsch-Griechin Kanzlerin Merkel.

In ihrer neuen Single „Das Leben und ich“ singt Vicky Leandros: „Wenn ich im Licht steh und die Musik hör, wird mir alles so egal.“ Die Deutsch-Griechin kann nicht ohne die große Bühne, auf der sie nun schon seit einem halben Jahrhundert steht. Auf ihrer Jubiläumstour stellt die 63-Jährige ihr neues Album „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ vor, das sie unter anderem mit Peter Plate (Rosenstolz) aufgenommen hat. Wir sprachen mit der in Hamburg und Berlin lebenden Leandros, die von 2006 bis 2008 Kultursenatorin in der griechischen Hafenstadt Piräus war.

Ihr neues Album haben Sie auch in Ihrer Küche aufgenommen. Was hat Ihre Küche, was ein Tonstudio nicht hat?

Vicky Leandros: Die gelassene Atmosphäre. In meiner Küche fühle ich mich einfach wohler. Zwischendurch habe ich für das Team gekocht. Einmal gab es Moussaka und griechischen Schafskäse. Allerdings haben wir in der Küche nur die Vocals aufgenommen. Die Instrumente klingen doch besser, wenn man sie in einem Studio einspielt.

Der Albumtitel bezieht sich auf den Philosophen Sokrates. Wird man mit dem Alter nicht immer weiser?

Leandros: Nein, leider nicht. Man wird sicher lebenserfahrener. Vielleicht wird der eine oder andere auch ein bisschen weiser. Bei mir stelle ich jedoch fest, dass ich immer wieder dieselben Fehler mache. Zu oft verlasse ich mich auf mein Bauchgefühl.

„Mama, ich werde alt!“ handelt von einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung. Ihre Eltern haben sich getrennt, als Sie elf waren. Ihre Mutter zog nach New York, Sie blieben bei Ihrem Vater in Hamburg. Wie autobiografisch ist das Lied?

Leandros: Einiges ist schon aus meinem Leben, aber ich habe von vielen Freunden ebenfalls gehört, dass sie einen ähnlichen Konflikt mit ihrer Mutter hatten. In dem Text geht es auch darum, dass man seiner Mutter mit dem Alter ähnlicher wird. Im zweiten Vers versöhne ich mich damit. „Überwinde das, was uns trennt, gerade jetzt zählt nur der Moment“, heißt es dort.

Im Frühjahr hat halb Europa auf Angela Merkel geschimpft, weil Sie für harte Sparmaßnahmen in Griechenland war. Wie sehen Ihre Landsleute Merkel und die Deutschen jetzt?

Leandros: Die Griechen wissen, dass Reformen sein müssen. Jede Athener Regierung hat viel versprochen, um die Vetternwirtschaft zu beenden, und dann doch nicht viel gehalten. Die Mittelschicht ist zusammengebrochen, viele Menschen hungern. Überall gibt es Mittagstische. In dieser Krise haben Angela Merkel und Wolfgang Schäuble nicht immer glücklich agiert.

Inwiefern hat der Konflikt dem Verhältnis der beiden Völker geschadet?

Leandros: Viele deutsche Medien sind über das Ziel hinausgeschossen. Sie haben vergessen, dass jeder Mensch eine Würde hat. Die Griechen haben mitbekommen, dass in Deutschland ein falsches Bild ihres Landes vermittelt wird. Faule Menschen gibt es überall, nicht nur in Athen. Viele Griechen haben zwei Jobs, um zu überleben. In der Vergangenheit haben die Griechen die Deutschen immer gut verstanden. Umgekehrt habe ich in Deutschland früher oft Sachen gehört, die nicht so schön waren - nur weil ich Griechin bin. Aber ich denke, das Verhältnis wird wieder besser.

In Kassel gab es einige Aufregung, weil die nächste documenta zur Hälfte in Athen stattfindet. Hat Sie die Aufteilung der Kunstausstellung gefreut?

Leandros: Ich finde das schön. Die documenta wird Kassel doch nicht weggenommen. Kunst und Kultur müssen in Bewegung sein. So kann man aufeinander zugehen. Trotz der Krise hat sich die Kulturszene in Griechenland weiterentwickelt.

Ihren Hit „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ finden Sie angeblich grauenhaft. Singen Sie ihn trotzdem noch gern?

Leandros: Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob ich das Stück wirklich singen will. Heute stehe ich zu all meinen Liedern, obwohl auch komische Sachen dabei waren. Nicht alles war gelungen. 1971 habe ich etwa das Stück „Lauf und hol Wasser (für die Blumen der Liebe)“ aufgenommen. Gott sei Dank habe ich es nie öffentlich gesungen.

Vicky Leandros: Ich weiß, dass ich nichts weiß (Ariola).

Auf ihrer Jubiläumstour gastiert Vicky Leandros am 10. Mai in Frankfurt (Alte Oper) und am 11. Mai in Hannover (Theater am Aegi). Karten: 01806/ 570099, www.semmel.de

Zur Person

Geboren: am 23. August 1952 auf Korfu. Mit ihren Eltern kam sie als Fünfjährige nach Deutschland. Ihr Vater ist der griechische Sänger und Komponist Leo Leandros (89).

Karriere: Leandros nahm bereits 1967 für Luxemburg am Grand Prix teil und gewann den Wettbewerb 1972 mit dem Titel „Après toi“. Bis heute verkaufte sie mit Hits wie „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ weltweit mehr als 55 Millionen Tonträger.

Politik: Von 2006 bis 2008 war die Deutsch-Griechin für die sozialdemokratische Pasok-Partei Kultursenatorin in Piräus.

Privates: Leandros hat einen Sohn aus erster Ehe sowie zwei Kinder aus der Ehe mit Enno Freiherr von Ruffin, von dem sie sich 2005 trennte. Mit neuem Partner lebt Leandros, die mittlerweile auch Oma ist, in Hamburg und Berlin. Ihre Tochter Sandra von Ruffin ist Schauspielerin.

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