Videonale im Kunstmuseum Bonn: 46 Filmbeiträge erfordern Geduld - aber die lohnt sich

So viel das Auge sehen kann

Wie zwei Insekten, die einander umkreisen: Die Augen in Casilda Sanchez’ Video „So nah das Auge sehen kann“. Fotos:  Videonale

BONN. 46 Beiträge, ausgewählt aus 1800 Bewerbungen, sind bei der Videonale im Kunstmuseum Bonn zu sehen, der 13. Ausgabe der alle zwei Jahre stattfindenden Ausstellung für zeitgenössische Videokunst. Mal angenommen, jedes Video dauere zehn Minuten, wären das 460 Minuten. Knapp acht Stunden. Einen sonnigen Frühlingstag vor Bildschirmen sitzen? Muss man da nicht von vornherein kapitulieren?

Muss man nicht. Wenn man nicht davon ausgeht, wirklich alles sehen zu können. Falls man sich nicht auf der Webseite informiert hat (dort gibt es einführende Texte, Künstlerbiografien und Filmstills), wird man, ausgerüstet mit dem mitgebrachten oder einem Leihkopfhörer, durch die kluge Ausstellungsarchitektur schlendern und sich nach dem Zufallsprinzip auf Bänken und Hockern niederlassen und in den Film hineingezogen werden oder weiterwandern.

Es gibt aber Bilder, an denen kommt man nicht vorbei. Wie an den Augen im Kinoformat, die sich auf eine irritierende, fast schmerzliche Weise annähern, bis die Wimpern einander berühren, als seien sie überdimensionale Insekten. „As Inside as the Eye Can See“, so nah das Auge sehen kann, hat die Spanierin Casilda Sanchez das Video betitelt: irritierende Bilder von Verlangen und Verletzlichkeit.

Ebenso packend sind die Bilder in Angelica Mesitis „Rapture (silent anthem)“, Verzückung (leise Hymne). Die Künstlerin hat bei einem Open-Air-Konzert Nahaufnahmen junger Gesichter gefilmt, Ekstase, Entgrenzung, Versenkung festgehalten - und präsentiert sie ganz still, ohne jedes Geräusch.

Nebenan laufen laute Audio-Aufnahmen von Autorennen. Shimon Attie hat 70 Menschen, die in den 70ern auf der US-Rennstrecke Bridgehampton gearbeitet haben, in ihren original Monturen mit ihrer Ausrüstung gefilmt, jedoch ganz statisch, in Posen oder wie Skulpturen, um die die Kamera kreist. Ein eigentümlicher Verfremdungseffekt.

Einen merkwürdigen, irreal anmutenden Kontrast offeriert Janet Biggs: Sie filmte die Motorradfahrerin Leslie Porterfield, die drei Geschwindigkeitsrekorde hält, in einer Salzwüste - und Männer, die ihre Raserei beobachten. Dann singt ein Gospelchor des Harlem’s Addicts Rehabilitation Center. Ob es bei „Vanishing“ um Sucht geht, den Wunsch, in der Geschwindigkeit, im Rausch zu verschwinden?

Manches ist hochartifiziell, verstörend (wie ein Zungenkuss zwischen Mutter und Tochter bei Maria Ewa Tobola) oder ärgerlich (Mireia C. Saladrigues’ Geplauder aus der Kunstszene von Barcelona, ein Schmoren der Kunst im eigenen Saft). Die wunderbare, fast einstündige Dokumentation von Teresa Hubbard und Alexander Birchler über den Ort Paris in Texas, der Wim Wenders’ Film „Paris, Texas“ den Titel gab, und das verfallende Kino Grand Theater dort könnte auch im Fernsehen laufen (und wird es hoffentlich auch bald).

Es gibt vieles zu Intimität und Beziehungen, andererseits werden soziale Konflikte, Krieg und Gewalt thematisiert. Die amüsanteste Entdeckung, „Silberwald“, muntert deshalb besonders auf: Christoph Girardet hat stereotype Sequenzen aus Berg- und Heimatfilmen der 50er so kombiniert, dass auf drei Bildschirmen immerzu ähnliche, melodramatische Bilder auftauchen. Das ist zum Schreien komisch.

Bis 29. Mai, Tel. 0228/776221, www.videonale.org

Von Mark-Christian von Busse

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