Spannende Premiere am Deutschen Theater in Göttingen

Viel Beifall für Thomas Köcks Stück "paradies fluten" 

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Kapitalisten (fast) unter sich: In „paradies fluten“  sind die brasilianischen Kautschukkönige oben auf. Im Bild (von links) Maria Seiser, Marco Matthes, Benjamin Kempf, Ronny Thalmeyer, Florian Donath und Paul Wenning.

Göttingen. Katharina Ramsers Inszenierung von Thomas Köchk "paradies fluten" erweist sich als tolles Ensembletheater.  

Der Vorhang öffnet sich, wie Ertrinkende hängen fünf Leiber im Bühnenraum. Wie in einem Meer treiben sie hilflos. Sind es Flüchtlinge, gescheitert auf dem Weg über das Meer? Sind wir es: Opfer der Klimakatastrophe?

Dann beginnen die Bilder Geschichten zu erzählen. Ein Mann hat sich selbstständig gemacht, die Familie ordnet er der Firma unter. In der Demenz verliert er sie völlig. Die Tochter stellt sich dem Kampf ums Überleben als Tänzerin ohne Festanstellung und versucht sich – erfolglos – gegen die Ausbeutung zu wehren.

Ausbeutung ist ebenso das Thema in der zweiten Geschichte, die Köck erzählt – vom Bau des Opernhauses von Manaus im Amazonas-Regenwald. Am 31. Dezember 1896 wurde das gigantische Projekt der sogenannten Kautschukbarone eröffnet. Die Indigenen, die dort lebten, hatten sie ihrer Geldgier unterworfen, sie zu Schuldnern, Kämpfern und Sklaven gemacht. Mit ungehemmt fließender Wortgewalt rauscht Köcks vehemente Kritik am Kapitalismus wie das wild tobende Wasser in die Zuschauerreihen.

Das Team um Katharina Ramser hat auf fast leerer Bühne (Bühnenbild: Elisa Alessi) starke Bilder für Köcks Wortgewalt gefunden. Wie in einer Familienaufstellung erzählen Andrea Strube (Mutter), Florian Eppinger (Vater), Dorothée Neff (Tochter) und Paul Wenning (Großvater) vom Scheitern einer normalen Familie. Wie in einer Familientherapie nehmen sie ihre Position ein, verändern sie, finden eine neue Aufstellung, um den fortschreitenden Prozess des Zerfalls zu beschreiben.

Mit Flattervorhängen und Vogelzwitschern wächst der Dschungel, in dem das Opernhaus entstand. Die Kautschukkönige mit Anzug und Krawatte (Kostüme: Stefani Klie) können auf Handy und Laptop nicht verzichten und misshandeln die Eingeborene (Marie Seiser) mit ihren Zigarren. Ein Jackett ersetzt ihren indigenen Rock, auch sie hat sich auf die Seite des Goldregens, der wahrhaft aus dem Bühnenhimmel regnet, geschlagen.

Wie eine Klammer umfassen „Der von der von der Prophezeiung vergessene“ (Gerd Zinck) und „Der von der Vorsehung übersehene“ (Nikolaus Kühn) die vielschichtige, durchaus komplexe Handlung. Doch in einer defekten Klimakammer werden auch sie am Ende dem angesichts der Klimakatastrophe dem absehbaren Untergang (Köck würde sagen:) nicht entgangen sein.

Eine fast unglaubliche Ensembleleistung legten die elf Schauspieler des Deutschen Theaters in Göttingen vor. Begeistert und angesichts der Schwere des Stoffs nicht ungebremst war der Applaus bei der Premiere. Passend zu dem Stück wurde dem Deutschen Theater danach für seine „leidenschaftliche und nachhaltige Förderung von Gegenwartsdramatik“ der undotierte Preis der deutschen Theaterverlage 2017 der Stiftung Verband Deutscher Bühnen- und Medienverlage verliehen.

Karten: Tel. 0551 / 49 69-300.

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