Die Boygroup des Satire-Magazins „Titanic“ erklärte Baunatal lustig den Krieg

Viel Bumms in Dings

Ertragreiche Zweitverwertung: Thomas Gsella (von links), Martin Sonneborn und Oliver Maria Schmitt wärmten beim Baunataler Sommer ihre alten Späße noch einmal auf. Foto: Malmus

Baunatal. Martin Sonneborn weiß, wie man einem Land den Krieg erklärt. Als 1999 die rot-grüne Bundesregierung Tornados ausschickte, um Bomben über Jugoslawien abzuwerfen, reichte der Satiriker für das Magazin „Titanic“ die noch nicht erfolgte Kriegserklärung rückwirkend an Slobodan Milosevic nach. In dem Schreiben an Belgrad entschuldigte sich Sonneborn sogar für die nächtliche Ruhestörung.

Am Donnerstag erklärten der gebürtige Göttinger und die beiden anderen ehemaligen „Titanic“-Chefredakteure Oliver Maria Schmitt und Thomas Gsella Baunatal den Krieg. Als „Titanic“-Boygroup stellte das Trio sein Jubiläumsprogramm zum 30. Geburtstag des Satire-Heftes beim Baunataler Sommer in der Stadthalle vor.

Die Metropolen haben die Scherzbolde mit ihrer Leseshow schon lange abgearbeitet. Dann, so witzelte Schmitt, reisten sie in kleinere Städte, „wo sonst gar nichts mehr geht“. Und nun kam Baunatal dran, das von den Bombern im Zweiten Weltkrieg nur verschont worden sei, weil es auf keiner Karte verzeichnet war, was heute bedauert werde. „Baunatal - ohne mich“, fand Schmitt, sei ein schöner Slogan. Und Sonneborn sprach die ganze Zeit nur von „hier in Dings“.

Eigentlich ist das nur plumpe Provinz-Beschimpfung - immer macht es bumms. Aber die 80 Zuschauer hatten trotzdem mehr als zwei Stunden lang ungeheuren Spaß. Es hat ja ohnehin keinen Sinn, sich mit den Satirikern aus Frankfurt anzulegen, wie eine Bilderschau mit den besten Titelgeschichten zeigte. Bis auf Björn Engholm, den die „Titanic“ in Uwe Barschels Genfer Badewanne montierte, verloren die meisten verhöhnten Prominenten vor Gerichten gegen das Magazin.

Während Schmitt als ebenso zynischer wie charmanter Moderator glänzte, spielte Sonneborn Filmchen aus der „heute show“ des ZDF vor, für die er ganz naiv Menschen vorführt. Zum Beispiel den Vertreter der Pharmaindustrie, der sich um Kopf und Kragen redet und anschließend zurücktreten muss.

Gsella schließlich ist ein versierter Dichter in der Tradition von Robert Gernhardt. Seine Lyrik ist oft vulgär und pubertär, meist böse, aber immer komisch. In seinen Gedichten über die schlimmsten Städte kommt auch Kassel vor: „Die City wie aus Hass gerührt, / der Bahnhof ein Schlamassel. / Leb’ du zur Not in Ulm und Fürth, / doch nie, niemals in Kassel.“ An Versen über Baunatal arbeite er noch. Schmitt, der kein Ehrenbürger der VW-Stadt mehr wird, glaubt, dass es ein mehrbändiger Zyklus wird.

Von Matthias Lohr

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