Bachchor sang Frühwerke von Bach und Haydn

Viel zu entdecken

Norbert Ternes

Kassel. „Ein merkwürdiges Stück“, meinte ein Besucher fasziniert nach dem jüngsten Konzert in der Martinskirche. Zu den besten Momenten des Musiklebens zählen solche Irritationen. Denn sie sind ein Beweis, dass es selbst bei Bach und Haydn viel zu entdecken gibt. Norbert Ternes, der Leiter des Kasseler Bachchores, hatte wenig bekannte Frühwerke aufs Programm gesetzt.

Merkwürdig ist Bachs Kantate „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ (1707) insofern, als der 22-jährige Komponist hier noch nicht die später übliche Gliederung in Rezitative und Arien angewandt hat. Es ist kein Zufall, dass das 19. Jahrhundert eine besondere Vorliebe für Bachs frühe Kantaten empfand: Ein Zug zur romantischen Entgrenzung wohnt ihren unschematischen Formen inne.

Romantisch getönt, mit kontemplativ langsamen Tempi und weiten Bögen, erschien auch die Wiedergabe durch den Dirigenten Norbert Ternes, den gut vorbereiteten Bachchor und das überzeugende Pro-Arte-Kammerorchester. Sabine Nobis steuerte das einnehmend schöne, weich klingende Oboensolo bei. Und es gab faszinierende Klangmischungen zwischen den Chordamen und den Solisten Cornelius Uhle (Bass) und Patrick Henckens (Tenor), auch wenn man sich nicht mit jedem Tenorton vollends anfreunden konnte.

Wirkungsvoll waren die dynamischen Kontraste in Joseph Haydns „Stabat mater“ g-moll (1767). Im Solistenquartett wusste der weibliche Teil zu beeindrucken - Anja Zügner mit leuchtendem Sopran und beherzten Koloraturen sowie die Altistin Annekathrin Laabs, die gerade ihrer „tränenreichen“ zweiten Arie eine affektvolle Spannung gab. Langer Beifall der 700 Zuhörer.

Von Georg Pepl

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