Cindy aus Marzahn begeistert mit Berliner Schnauze in Kassel

Viel Lärm um nichts

Cindy aus Marzahn auf übergroßem Thron: „Nicht jeder Prinz kommt uff’m Pferd!“ heißt ihr Programm. Foto:  Socher

Kassel. Ilka Bessin hat sich an ihr neues Leben gewöhnt. Als Cindy aus Marzahn tourt die ehemalige Hartz-IV-Empfängerin seit einiger Zeit selbstbewusst durch die Republik und sorgt für ausverkaufte Veranstaltungshallen. So auch in Kassel, wo sich im Kongresspalais ein illustres Mischpublikum aus Frauenclubs, Ü-30-Partypärchen und Teenagern bei ihrem aktuellen Programm „Nicht jeder Prinz kommt uff’m Pferd!“ bestens unterhalten fühlte.

Dass man Sprache als psychische Darmreinigung benutzt, um im Kampf gegen die überproportionalen Problemstellungen des Lebens zu bestehen, scheint vielen Menschen Spaß zu bereiten. Zu dick, zu einsam, zu perspektivlos… Cindy ist fett, allein und träumt von einer Karriere als Star. Doch eines ist sie nicht: auf den Mund gefallen. Sie wackelt durch das Publikum, provoziert, holt sich Gäste auf die Bühne und reagiert spontan auf alle Zurufe und Situationen. Perfekte Stand-up-Comedy mit der ganzen Erfahrung einer Frau, die sich schon in Bars, auf Schiffen und kleinsten Bühnen beweisen musste.

Für manchen Kritiker bedeutet die Show der aufgequellten Proll-Schrippe mit Berliner Schnauze den Untergang des kabarettistischen Abendlandes. Den Fans ist das reichlich egal. Sie kopieren sogar das Outfit ihres Idols, indem sie sich kleine Krönchen in das Haar drapieren und sich in pinkfarbene Stretchleggings und Tigershirts zwängen.

Vulgärer Schulhofslang, Straßengebrüll, Sexgeplapper und Kneipenlogik sind bei Cindy stilistische Ausdrucksformen, doch die Eltern der zwei zwölfjährigen Mädchen im Publikum werden sich einiges einfallen lassen müssen, um manche Begriffe ihren Kindern zu erklären. Die beste Beschreibung dessen, was man da im intellektuellen Stand-by-Modus drei Stunden lang mit Atzen-Musik, Witzrunden, quasseligem Hauswandpinkeln und feministischer Einsilbigkeit geboten bekam, lieferte Cindy selbst: „Hier ist doch wohl nicht irgendeiner, der Shakespeare hören will, oder?“ Nein, da brauchte sie sich keine Sorgen zu machen. Obwohl die Überschrift „Viel Lärm um nichts“, der Titel eines seiner Werke, die inhaltliche Füllmasse des Abends ganz gut beschreiben würde. Großer Applaus.

Von Andreas Köthe

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