Über Facebook soll das Schweige-Stück „4’33“ von John Cage zum Hit werden

Viel Lärm um die stille Nacht

Sein Stück „4’33“ besteht aus drei Sätzen ohne Noten: Der US-Avantgarde-Komponist John Cage (1912-1992). Fotos: Picture-Alliance

Nach 4 Minuten und 33 Sekunden atmete Helge Schneider am vorvergangenen Donnerstag erleichtert auf. In der ARD-LateNight-Show „Harald Schmidt“ spielte er mit seinem Gastgeber am Flügel vierhändig das Stück „4’33“ des Avantgarde-Komponisten John Cage, das aus nichts anderem besteht als aus drei Sätzen Schweigen.

Schneider schnitt Grimassen und rülpste, während Schmidt und dessen Assistentin Katrin Bauerfeind (Geige) ernst an ihren Instrumenten schwiegen. Viereinhalb Minuten Stille können ziemlich lang sein. Und doch könnte aus diesem Schlüsselwerk der Neuen Musik nun ein Hit werden. Über Facebook und andere Netzwerke rufen Musik-Fans dazu auf, eine Neuaufnahme von „4’33“ zu kaufen, damit das Stück in Großbritannien am traditionell prestigeträchtigen Weihnachtstermin auf Platz eins der Charts steht.

Dort rangierten vier Jahre lang die jeweiligen Sieger der Casting-Show „X Factor“ - bis im vergangenen Jahr „Killing In The Name“, ein 17 Jahre alter Song der Crossover-Band Rage Against The Machine, dem Retorten-Pop den Rang ablief - dank eines Aufrufs auf Facebook.

Die neue Initiative heißt „Cage Against The Machine“ und wirbt für die Single „Silent“, die eine Hand voll Musiker um Pete Doherty (Babyshambles) und Billy Bragg für einen guten Zweck aufgenommen haben. Im dazugehörigen Video zählt der Produzent „eins, zwei drei und...“, ehe das Schweigen einsetzt. Der Erlös soll unter anderem einer Tinnitus-Vereinigung zugute kommen. Auf Facebook haben den Aufruf bereits mehr als 90 000 Menschen unterstützt - sie wünschen sich offensichtlich eine stille Heilige Nacht, die ihrem Namen endlich einmal gerecht wird.

Das Ganze ist allerdings mehr als nur Blödsinn. Mit dem 1952 in Woodstock im US-Bundesstaat New York aufgeführten Werke thematisierte Cage (1912-1992) die Allgegenwart von Geräuschen. Manche fragen sich bis heute, ob das überhaupt Kunst sei? Cage, dessen Orgelwerk „ORGAN²/ASLSP“ als langsamstes Musikstück der Welt derzeit bis ins Jahr 2639 in Halberstadt aufgeführt wird, hat darauf geantwortet: „Wenn man es aufführt, ist es Kunst - wenn nicht, dann nicht.“

Manche Musikkenner favorisieren indes die Kunst des Komponisten Mike Batt, der 2002 „A One Minute Silence“ schrieb. Das einminütige Stück klingt genauso wie „4’33“. Der Engländer sagte ganz selbstbewusst und mit einem Augenzwinkern: „Ich war in der Lage, in einer Minute das zu erzählen, wofür Cage 4 Minuten und 33 Sekunden brauchte.“

Von Matthias Lohr

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