Viel Soul unter der Mütze: Der Australier Chet Faker im Kasseler Kulturzelt

Verbindet gekonnt digitale und analoge Klänge: Der Australier Chet Faker im Kulturzelt. Foto: Zgoll

Kassel. Sein Name ist schon mal ein Hit: In Anlehnung an den Jazzer Chet Baker hat sich der Australier Nick Murphy den Namen Chet Faker zugelegt. Im Kasseler Kulturzelt glänzte er mit seinem entschleunigten Elektro-Soul.

Beim Konzert von Chet Faker am Mittwoch saß eine 60-jährige Frau im Kasseler Kulturzelt-Publikum, die noch nie einen Song des Australiers gehört hatte. Die Karte hatte sie sich nur gekauft, weil der Text im Programmheft so interessant klang. Zudem sähe der Australier ein bisschen aus wie ihr Ex-Freund.

Das alles spricht zunächst einmal für die Veranstalter des Kulturzelts. Die Besucher vertrauen ihnen blind (oder sollte man sagen taub?). Es spricht aber auch für Faker. Denn unter den knapp 700 Zuhörern gab es sicher noch mehr Gäste, die den Neo-Soul des 26-Jährigen erst an diesem Abend für sich entdeckt haben. Als der Musiker fragte, wer sein Album gekauft habe, meldete sich nur eine Hand voll Besucher. „Ganz gut“, sagte Faker ironisch. Die Quote spricht nicht gerade für die Musikindustrie.

Im Netz werden seine Lieder millionenfach abgerufen. Dabei hat er die allerersten Songs einst nur seinem Hund Bessie vorgespielt - und der ist dabei eingeschlafen, wie Faker erzählt. Auf dem Kopf trägt er eine Mütze, mit der man früher auf dem Schulhof ausgelacht worden wäre, die in Berlin-Mitte aber bald sicher sehr angesagt sein wird.

Vielleicht so angesagt wie der entschleunigte Elektronik-Soul von Faker, der eigentlich Nick Murphy heißt und sich in Anlehnung an den Jazzer Chet Baker umbenannt hat. Die erste halbe Stunde steht er ganz allein auf der Bühne. Er dreht ein paar Knöpfe an seinem Pult, sampelt Pfeifgeräusche, frickelt Loops zusammen und singt mit seiner leicht nöligen Stimme wunderbare Melodien.

Dann kommen Gitarrist Kirk Schoenherr und Schlagzeuger Sam Hirschfelder auf die Bühne, und zusammen spielen die drei einen hinreißenden Blues. Später treffen warme Fender-Rhodes-Piano-Klänge auf langsame R’n’B-Beats. Faker verwischt gekonnt die Grenzen zwischen digitalem und analogem Sound. Er nimmt sich das Beste aus beiden Welten.

Bisweilen (etwa bei seiner Cover-Version des 90er-Jahre-Hits „No Diggity“ der US-Band Blackstreet) wird das Kulturzelt sogar zum House-Club - nur tanzt hier keiner. „Es ist ganz schön zivilisiert hier“, sagt Faker einmal.

Aber auch ohne Ekstase kann man ein sehr schönes 90-Minuten-Konzert mit zwei Zugaben erleben. Die Frau, die noch nie einen Song von Chet Faker gehört hatte, wollte sich anschließend sein Album „Built On Glass“ kaufen.

Von Matthias Lohr

Kulturzelt am Freitag, 19.30 Uhr: Junip mit dem schwedischen Sänger José González.

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