Ein Bär mit viel Verstand: Zum Tode des Autors und Übersetzers Harry Rowohlt

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Ein Leben mit und für Literatur: Der Autor und Übersetzer Harry Rowohlt, aufgenommen im September 2012.

Viele Menschen kannten Harry Rowohlt. Das markante Gesicht mit Nickelbrille und Rauschebart gehörte einfach zur deutschen Kulturszene.

Am Montag starb Harry Rowohlt im Alter von 70 Jahren in Hamburg, nach langer schwerer Krankheit, wie sein Agent am Dienstag mitteilte.

Doch längst nicht jeder kannte den gleichen Harry Rowohlt. Für Fans der TV-Serie „Lindenstraße“ war er viele Jahre lang der Penner Harry, Hörbuchfans von „Pu der Bär“ kannten seine etwas brummige Stimme, die Leser des Buches kannten ihn als Übersetzer von „Winnie the Pooh“ des Autors A. A. Milne.

Auch Leser von Frank McCourts „Die Asche meiner Mutter“, von Büchern des Iren Flann O’Brien, des Amerikaners Kurt Vonnegut und vieler anderer englischsprachiger Autoren stießen auf den Übersetzernamen Harry Rowohlt. Und nicht nur Leser der „Zeit“ ergötzten sich an seinen dort erschienenen Kolumnen „Pooh’s Corner – Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand“.

Vielleicht muss man ihn einfach einen Literaten im umfassenden Sinne nennen, einen, der sich nicht auf die Arbeit am Schreibtisch beschränkte, sondern seine literarische Existenz mit Haut und Haaren auslebte. Berühmt oder auch berüchtigt waren Rowohlts mehrere Stunden dauernden Lesungen, bei denen reichlich Alkohol floss und die Gedanken und Assoziationen Flügel bekamen. Wer Rowohlt bei seinen Auftritten in der Schauenburger Märchenwache (Kreis Kassel) erlebt hat, bekam davon eine Ahnung. Als bei Rowohlt vor einigen Jahren die Nervenerkrankung Polyneuropathie diagnostiziert wurde, musste allerdings der Alkohol wegfallen.

Das Literarische war Rowohlt quasi in die Wiege gelegt. Als Sohn des Verlegers Ernst Rowohlt und der Schauspielerin Maria Pierenkämper wurde er in Hamburg geboren. Seine Mutter war damals noch mit dem Künstler Max Rupp verheiratet, sodass Rowohlt zunächst Harry Rupp hieß.

Nach dem Volontariat blieb Rowohlt nicht im elterlichen Verlag, sondern wurde freier Übersetzer. Das Unternehmen verkauften er und sein Halbbruder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt später an die Verlagsgruppe Holtzbrinck.

Harry Rowohlt war mit Leib und Seele Hamburger, mit seiner Frau wohnte er zuletzt im Stadtteil Eppendorf. Unter den zahlreichen Ehrungen, die ihm zuteil wurden, ist der Satirepreis „Göttinger Elch“ vielleicht die angemessenste, denn sie galt seinem skurrilen Humor. Dieser machte ihn auch zum idealen Juroren für den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor. Ein Selbstdarsteller war Rowohlt bei alledem nicht. Aber ein knorriger und kritischer Zeitgenosse mit einem wunderbaren Motto: „Sagen, was man denkt. Und vorher was gedacht haben.“

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