Der Kabarettist Bruno Jonas zielt in Vellmar auf alles - auch aufs Publikum

„Zu viel Vertrauen im Markt“

„Da plappern Sie einen Scheiß nach“: Bruno Jonas nahm sich auch das Publikum vor. Foto: Schachtschneider

Vellmar. „Wenn Sie jetzt das Weinen anfangen, dann muss ich das Gespräch beenden. Diese Schulung hab’ ich noch nicht gehabt.“ Der Unternehmensberater Hubert Unwirsch hat’s nicht leicht. Erst hat der Flieger von München nach Berlin Verspätung, und jetzt ruft auch noch die Ehefrau eines Mitarbeiters des Brausekopfherstellers Grotte an, den Unwirsch eben entlassen hat.

So weit, so konventionell: Die Szenerie, die der Kabarettist Bruno Jonas für sein Programm „Bis hierher und weiter“ entwirft, scheint den Kabarett-Klischees zu entsprechen. Die 600 Zuhörer in der Mehrzweckhalle Vellmar-Frommershausen dürfen also erwarten, dass jetzt auf schlimme Berater, Manager, Politiker und Kirchenleute eingedroschen wird. Und dass man selbst sich gut dabei fühlen kann.

Doch Bruno Jonas spielt ein anderes Spiel: Am Ende der zweieinhalb Stunden haben auch die Zuschauer ihr Fett abbekommen. Gleich zu Beginn fällt Jonas aus der Rolle: „Ich spreche jetzt als Kabarettist zu Ihnen.“ Jemand meint, die Firma Grotte, da sei doch Grohe gemeint. Jonas: „Was ich gar nicht mag, ist, wenn die Leute mir erklären, was ich meine.“

Und als ein Zuschauer auf die Frage nach der Ursache der Finanzkrise das Wort „Gier!“ in die Runde wirft, wird er gerüffelt: „Da plappern Sie einen Scheiß nach.“ Nicht Gier - „das gehört zum Menschen“ - hat in die Krise geführt, sagt der unwirsche Jonas: „Es war zu viel Vertrauen im Markt. Man muss mehr mit Misstrauen arbeiten.“

Meint er das, was er sagt? Wenn er über junge Mütter lästert, die mit ihren großrädrigen Kinderwagen die Geschäfte verstopfen, dann bleibt eine Restunsicherheit. Und genau darauf zielt Jonas. Er hat lieber das peinlich berührte „Ho ho“ als das lautstarke „Ha ha“. Im Übrigen gilt: „Es sind Ihre Lacher, Sie müssen damit leben.“

Wie man das Denken in Dichotomien überwinden kann, also in schlichten Gegensätzen, erklärt Jonas auf gut Bayerisch: „Entweder eine Sache is aso (Handbewegung links). Oder sie is aso (Handbewegung rechts). Wenn sie aber nicht aso is und auch nicht aso, dann is sie anders. Und wenn sie auch nicht anders is, dann is sie noo anders.“ Und schon sind wir beim polyvalenten Denken.

Wer nun meint, ohne Denken in Feindbildern bliebe Kritik auf der Strecke, der kennt Bruno Jonas schlecht. Er muss Angela Merkel in keine bestimmte Ecke stellen, er muss sie einfach nur nachmachen, um die Kanzlerin in ihrer Hilflosigkeit zu skizzieren. Das tut er mit bayerischem Charme. Ob Bazi, Striezi, Hallodri oder Larifari: Man kann ihm einfach nichts übelnehmen.

Am Ende bleibt die Frage: Sind wir nicht alle ein wenig unwirsch? Das sowieso. Aber haben wir nicht auch etwas von der Denke diese Beraters in uns? Dass Bruno Jonas uns daran erinnert hat, danken wir ihm mit Standing Ovations.

Von Werner Fritsch

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