Neues Buch von J. M. Coetzee, der heute 70 wird

Ein Ich aus vielen Blickwinkeln

J. M. Coetzee

Es ist keine Koketterie, wenn J. M. Coetzee im dritten Band seiner Erinnerungen, die am Donnerstag erscheinen, mit dem Literaturwissenschaftler Mr. Vincent einen fiktiven Biografen auf seine Lebensspur schickt. Es geschieht aus der Überzeugung, dass es nicht einmal in Bezug aufs eigene Dasein eine objektive Wahrheit geben kann: Ich ist ein anderer.

Der Literaturnobelpreisträger 2003 geht noch einen Schritt weiter als in „Der Junge“ (1997) und „Die jungen Jahre“ (2002), den beiden vorangegangenen Bänden. Er bricht mit konventionellen Erzählformen, indem er verschiedene Stimmen aufruft. Erzählfragmente, Interviews und Notizbücher werden zu einer scheinbar spröde verschachtelten Form montiert.

Doch ist es die große Kunst dieses außergewöhnlichen Schriftstellers, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, wieder ein äußerst lesenswertes, ja kurzweiliges Buch gepuzzelt zu haben. Es kreist um die Lehrjahre von 1972 bis 1975, kurz vorm Einsetzen der ersten Popularität. John Coetzee hat die dreißig überschritten und kehrt aus Amerika ins schäbige kleine Elternhaus in Südafrika zurück, in dem nur noch sein Vater lebt. Die Farmer kämpfen ums Überleben und die Ethnien gegeneinander. Überqualifiziert und unterbeschäftigt will Coetzee nicht im Schatten sitzen, während die Schwarzen arbeiten. Linkisch beginnt er den Hof zu betonieren und sehnt sich nach einem Leben als Schriftsteller. Ohne Plan, voller Wunschträume ist alles, was er tut. Das lässt ihn hochnäsig und weltfremd erscheinen. Frauen nähert er sich ungeschickt: lauter Missverständnisse und diese umfassende „Inkompetenz in Herzensangelegenheiten“.

Es war einmal in Afrika. In bestechend präziser Sprache lässt hier einer aus unterschiedlichen Blickwinkeln von sich reden. Einprägsame Geschichten ordnen sich um ein Ich, dem man näher kommt, ohne es zu enträtseln. Das macht die Faszination dieses Buches eines der besten Autoren unserer Zeit aus.

J. M. Coetzee: Sommer des Lebens. S. Fischer. 298 S., 19,95 Euro, Wertung: !!!!!

Von Ulrich Steinmetzger

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