Emotionales Kopf-an-Kopf-Rennen

Die Vielfalt der Filmwelt: Eine Analyse der Oscar-Vergabe

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Ausgezeichnete Darsteller: Matthew McConaughey (von links), Cate Blanchett, Lupita Nyong’o und Jared Leto.

Die Mischung stimmte. Die Show war emotional und lieferte Taschentuchmomente. Die Preisvergabe war ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen. Eine Analyse der Oscar-Verleihung.

Der wichtige Film

Die 6000 Mitglieder der Filmakademie, die über die Preise abstimmen, haben sich für das Epos entschieden – und würdigen mit „12 Years a Slave“ auch die Themensetzung: Sklaverei. Trotzdem ist der Preis keine Reminiszenz an Political Correctness, Steve McQueens Film hat die Auszeichnung verdient. Das ist bewegendes, großes Kino.

Film ist international

Selten war die Filmfamilie in Hollywood so international aufgestellt. McQueen ist Brite, die gekrönten Darstellerinnen Cate Blanchett und Lupita Nyong’o kommen aus Australien und Kenia. Preiswürdiger Film ist längst nicht nur amerikanisch: sehr gut. Mit Alfonso Cuarón gewinnt erstmals ein Mexikaner den Regie-Oscar. Schön, dass sein filmisch neue Maßstäbe setzendes Weltraumdrama „Gravity“ sieben Preise erhält – hier zeichnet die Akademie Innovation aus – und die Fähigkeit, Anspruch und kommerziellen Erfolg kongenial zu verbinden.

Verlierer

Bester nicht-englischsprachiger Film: Der italienische Regisseur Paolo Sorrentino (links) und sein Hauptdarsteller Toni Servillo holen die Auszeichnung für ihr Stadtporträt „La Grande Bellezza“ ab.

Dass David O. Russells schräges Gaunerstück „American Hustle“ gar keine Trophäe erringen konnte, ist die Enttäuschung der Gala. Witziges hat es eben immer schwerer bei den Juroren, die sich gern an gesellschaftspolitischen Schwergewichten orientieren. Dabei ist der Film nicht nur visuell hochklassig gestaltet und schauspielerisch genial erzählt. Es gelingt Russell, hinter den komischen Verwicklungen menschliche Wahrheiten aufscheinen zu lassen, was auf lässige Art Tiefe erzeugt.

Starke Darstellerleistungen

Die Schauspielpreise zeigen exemplarisch, welch starker Filmjahrgang hier angetreten war. Verdient gewürdigt wurden Ausnahmedarsteller wie Cate Blanchett als neurotische Gesellschaftszicke in Woody Allens „Blue Jasmine“ und Matthew McConaughey, der mit Hingabe einen abgemagerten Aidskranken porträtiert in „Dallas Buyers Club“. Für denselben Film bekam Jared Leto den Nebendarstellerpreis – seine Verwandlung in einen Transvestiten ist unvergesslich. Das trifft auch auf das Leiden ihrer Filmfigur Patsy im Sklavendrama zu, mit der sich Lupita Nyong’o den Nebendarsteller-Oscar erspielt hat. Zum Weinen.

Deutsche ohne Preis

Erster Schwarzer, dessen Werk als bester Film ausgezeichnet wird: Steve McQueen.

Die deutschen Nachwuchsregisseure Max Lang und Jan Lachauer gingen mit ihrem animierten Kurzfilm „Room on the Broom“ („Für Hund und Katz ist auch noch Platz“) leer aus. Auch Effekteschmiede Pixomondo erhielt keinen Preis.

Ein Zeitenwechsel

Steifes Zeremoniell? Nicht doch. Moderatorin Ellen DeGeneres ließ Pizza ins Auditorium liefern und brach das Preisritual mit einem Fastfood-Inferno auf. Dass ein entspannter Schnappschuss auf Twitter das Bild des Abends wurde (siehe unten), zeigt, dass in Hollywood neue Zeiten anbrechen könnten. Inszenierte Agenturbilder rücken in den Hintergrund. Auch in Hollywood zeigt sich die Sehnsucht nach dem Ungekünstelten, Spontanen, für das die sozialen Medien stehen.

Von Bettina Fraschke

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