Das vielseitige Avishai Cohen-Quartett aus Israel im Kulturzelt

Ganz schnelle Töne auf dem Bass. Avishai Cohen im Kasseler Kulturzelt. Foto: Malmus

Kassel. Nicht ungeschickt, aber durchschaubar: Nach einer Stunde und fünfzehn Minuten verschwand das Avishai Cohen-Quartett von der Bühne, um danach mit drei langen Zugaben wieder aufzuerstehen.

Fishing for compliments, und die gab’s denn auch reichlich. Das Publikum erhob sich von den Sitzen spendete langen Applaus für mehr Musik. Wer will auch schon nach so kurzer Zeit wieder nach Hause gehen?

Der Kontakt zum Publikum war jetzt endlich hergestellt und das Konzert nahm Fahrt auf. Erste Überraschung: Bandleader Avishai Cohen (nicht zu verwechseln mit den gleichnamigen Jazz-Trompeter) kommt im ersten Zugabensatz allein - nur mit seinem Bass auf die Bühne, um Bachs fünftes Klavierkonzert im Schnelldurchlauf zu improvisieren, nicht ohne das Bekenntnis abzugeben, dass er sowohl Bach liebe als auch Glenn Gould.

Diese Seelenverwandtschaften leuchten ein! Klavier und Orchester im Bass vereint ein sehr eindringliches Hörerlebnis und Schauspiel. Anschließend eine weitere Seite des Vielseitigen: Cohen singt eine Ballade, sich ebenfalls am Bass begleitend - eine große ruhige Innigkeit strömt ins Kulturzelt und erwärmt die Herzen. Abgang, Applaus - nun kehrt das Quartett vollständig zurück und knüpft wieder an das erste Set an: Nitai Hershkovits (Klavier und E-Piano), Eli Degibri (Tenor- und Sopransaxofon) Ofri Nehemya (Schlagzeug) beziehen ihre Plätze und Cohen bringt ein Bier mit, sein Bass liegt ja noch da (bei der dritten Zugabe genehmigt er sich ein Glas Wein).

Es ist schon ungewöhnlich, dass der Bassist das Geschehen lenkt und die Kommunikation zwischen den Musikern koordiniert. In dieser Ausprägung gab es das zuletzt wahrscheinlich bei Charlie Mingus.

Das Quartett verarbeitet diverse Einflüsse - die Tradition des Modern Jazz seit den Sechzigern, Jazz-Rock und auch Funk-Jazz, wenn Cohen zum E-Bass greift.

Vor allem die neueren Klavier-Trio-Einflüsse sind deutlich. In den rasanten, einprägsamen Klavierläufen Nitai Hershkovits klingt immer mal wieder Esbjörn-Svensson an, dessen Bedeutung unermesslich ist. Saxofonist Eli Degibiri wirkt da manchmal fehl am Platz. Zwischen fahrstuhlgenehmer Weichspülung und ekstatisch gesteigerten Ausbrüchen gelingt es ihm nicht recht, seine Rolle zu definieren. Bezeichnenderweise agiert er auch stets im Hintergrund, während Ofri Nehemya vorne ein sehr kraftvolles lautes Schlagzeugsspiel pflegt.

Die intensivsten Momente des Konzerts waren die, in denen sich Trio-Konstellationen herausschälten: Bass, Klavier, Schlagzeug oder Bass, Schlagzeug und Saxofon - und natürlich Avishai Cohen solo!

Von Andreas Gebhardt

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