Das britische Doric String Quartet bot bei den Kasseler Musiktagen ein ungewöhnlich intensives Konzert

Vier Fesselungskünstler

Das Doric String Quartet mit (von links) Alex Redington, Jonathan Stone, Hélène Clément und John Myerscough. Foto: Malmus

Kassel. Die Frage „Wer hat’s erfunden?“ ist beim Streichquartett geklärt. Joseph Haydn (1732-1809) hat das gleichberechtigte Spiel von zwei Violinen, Viola und Violoncello so etabliert, dass daraus die Königsgattung der Kammermusik werden konnte. Wie sehr Haydn dabei mit der Form des Streichquartetts experimentiert hat, zeigt sein C-Dur-Quartett op. 20,2, das am Anfang des Musiktage-Konzerts des Doric String Quartets stand.

Der erste Satz bringt das Thema nicht in den Violinen, sondern im Cello, der zweite, „Capriccio“ überschrieben, ist ein zerklüfteter Satz voller Tempo- und Stimmungswechsel, der dritte, das Menuett, beginnt so, dass der typische Dreiertakt zunächst verschleiert wird, und am Ende steht - ungewöhnlich genug - ein Fugensatz.

Ein tolles Werk, wenn es so plastisch und sprechend dargeboten wird wie von dem renommierten britischen Quartett: Vom sonoren Cellobeginn bis zur kraftvollen Schlusskadenz fesselten Alex Redington und Jonathan Stone (Violinen), Hélène Clément (Viola) und John Myerscough (Violoncello) die Zuhörer im voll besetzten Ständesaal mit ihrem reaktionsschnellen, farbigen und bis ins Pianissimo substanzreichen Spiel - dem auch eine Prise Humor nicht fehlte.

Wie sehr ihnen der geistreiche Haydn liegt, bewiesen die vier am Ende noch einmal bei ihrer Zugabe, dem Fugensatz aus Haydns op. 20,5, einem raffiniert-virtuosen Meisterstück.

Welche Meisterschaft in Giuseppe Verdis einzigem Streichquartett steckt, führte das Doric-Quartett mit spielerischer Überlegenheit vor. Immer wieder sorgte John Myerscough als sehr präsenter Cellist für rhythmische Energiezufuhr, etwa im geheimnisvollen Pianissimo-Rausch des dritten Satzes. Auch Verdi schließt sein Quartett mit einer Fuge ab. Deutlichkeit, Eleganz und Energie - in dieser Verbindung machte das Doric String Quartet den fulminanten Finalsatz zu einem Höhepunkt des Konzertabends.

In eine andere Welt entführte Franz Schuberts d-Moll-Quartett mit dem Beinamen „Der Tod und das Mädchen“ nach der Pause. Ein Sehnsuchtston durchzieht den ersten Satz, und die Doric-Musiker verstanden es, ihn mit Diskretion und schlanker Tongebung zum Klingen zu bringen - gänzlich pathosfrei, aber mit großer Intensität. Dieselbe Dichte herrschte auch im Variationssatz. Fast geisterhaft unwirklich, dabei heftig akzentuiert, flog der Finalsatz vorbei - gefolgt von sehr handfestem, langem und herzlichem Applaus.

Von Werner Fritsch

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