Selbstporträts vor Gemälden

Vincent van Gogh und ich: Selfies als neues Kunsterlebnis

Kunstwerk und ich: Auch auf dem Bildportal Flickr laden Museumsbesucher Bilder hoch. Screenshot: nh

Kassel. Knipsen und sofort wieder vergessen? Die Allgegenwart von Handykameras verändert Museumsbesuche: Menschen schlendern mit gezücktem Smartphone durch Ausstellungen und produzieren Unmengen von Schnappschüssen.

Laufen sie dabei Gefahr, die Kunstwerke gar nicht mehr richtig zu erleben, weil sie alle Aufnahmen nur noch unter dem Gesichtspunkt Bildvermarktung im Internet betrachten? So wurde der Trend häufig bewertet.

Doch Museumsleute denken nun um: Der britische Blog Culture Themes und die Kölner Pausanio-Akademie, die digitale Vermarktungsstrategien für den Kunstbetrieb entwickelt, machen die Probe aufs Exempel: Ausstellungsbesucher sollen bis zum 22. Januar Schnappschüsse mit sich selbst (Selfie genannt) produzieren - vor oder mit Kunstwerken. Diese können sie bei Bildblogs wie Flickr, Tumblr, Pinterest oder Instagram veröffentlichen mit dem Stichwort #museumselfie. Dabei ist der Urheberrechtsschutz zu beachten.

So wird sich zeigen, ob Selfies eine neue Art von Kunsterlebnis ermöglichen, wie es der Blogger Aaron Flack konstatiert: Kunstwerke können gerade dann populär werden, hat er festgestellt, weil sich viele Menschen davor fotografieren und die kreativ anverwandelten Werke dadurch im Internet eine ganz neue Verbreitung finden. „Der Effekt auf die Kunstwelt ist zweifellos positiv“. Nach Jahren der Ablehnung der sozialen Medien hätten Museen mittlerweile erkannt, wie wichtig sie als Kommunikationskanal sind. Kunst wird demokratischer, Otto Normalverbraucher interagiert auf einmal auf Augenhöhe mit Vincent van Gogh.

Jen Olenizcak, Autorin der Internetzeitung „Huffington Post“, sieht bei Museumsbesuchen generell das Problem des Sich-Einlassens: Wer nur durchläuft, um Höhepunkte abzuhaken, für den ist der Besuch genausowenig nachhaltig wie für Fotojäger. Selfies, sagt sie, können die individuelle Auseinandersetzung mit Kunst fördern.

Das sagen Kasseler Museen

Fridericianum 

Das Fotografieren von Kunstwerken und das Anfertigen von Selfies genannten Selbstporträts für soziale Medien sieht Susanne Pfeffer, die Leiterin des Kasseler Fridericianums, als kreative Auseinandersetzung mit einer Ausstellung an. Seinen Körper für ein Selfie in der Ausstellung zu positionieren, auf einem Foto ein Kunstwerk und den eigenen Körper zusammenzubringen, ermögliche eine unmittelbare Erfahrung von Kunst: „Sonst könnten wir ja auch Ausstellungen nur im Internet machen." Das sei anders als beim Ablichten von Sehenswürdigkeiten wie dem Eiffelturm, die einfach als Objekt verewigt werden. Im Fridericianum ist Fotografieren erlaubt, die Bilder dürfen jedoch nicht kommerziell genutzt werden.

MHK/Neue Galerie 

Fotografiert werden darf in den Häusern der Museumslandschaft Hessen Kassel, wer eine Fotoerlaubnis für fünf Euro gekauft hat und weder Blitz noch Stativ benutzt. Die Leiterin der Neuen Galerie, Dorothee Gerkens, weist darauf hin, dass Fotos, auch Selfies, nur für den privaten Gebrauch sind. Veröffentlicht werden (auch im Internet) dürfen sie nur dann, wenn die Künstler schon 70 Jahre oder länger tot sind, oder eine Erlaubnis bei den Rechteinhabern eingeholt wurde. Das Phänomen Handyfotos ist in dem von ihr geleiteten Haus noch nicht so relevant. Den verstärkten Wunsch nach Beteiligung und Interaktion stellt sie bei ihren Besuchern aber fest. Die Führungen sind auf Austausch eingerichtet.

Fototipps

Damit Fotografieren im Museum nicht das Kunsterlebnis überdeckt, gibt die New Yorker Journalistin und Theaterlehrerin Jen Olenizcak folgende Fototipps:

Bewegung: Nehmen Sie fürs Foto die Position der Menschen auf einem Gemälde ein und stellen Sie sich vor, was die sprechen.

Zoom: Fotografieren Sie einen Bildausschnitt, den Sie kommentieren. Das stärkt die Auseinandersetzung mit der Kunst. Und eröffnet neue Assoziationen.

Mitmachen

Selfies nennt man die in den sozialen Netzwerken im Internet beliebten Selbstporträts, die täglich millionenfach mit der Kamera am ausgestreckten Arm entstehen. Auch in Museen werden solche Bilder geknipst, wobei zu beachten ist, dass die Bildrechtefrage geklärt sein muss bei Künstlern, die nicht schon 70 Jahre oder länger tot sind. Haben Sie auch schon originelle Museumselfies geschossen? Dann mailen Sie uns gern Ihre aktuellen Bilder zu. Wir veröffentlichen eine Auswahl auf unserer Homepage. Bitte senden Sie mit kurzer Erklärung zum Entstehungsort bis Donnerstag an die Adresse aktion@hna.de

Von Bettina Fraschke

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