Ein Violinstar ohne Allüren: Tianwa Yang

Tianwa Yang

Kassel. Leben zwischen Kassel und Konzertsälen weltweit: Die Geigerin und Echo-Klassik-Preisträgerin Tianwa Yang.

Tianwa Yang war kein Geheimtipp mehr, als sie jüngst mit dem Echo-Klassik-Preis als beste Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet wurde. Die FAZ-Kritikerin Eleonore Büning hatte ihr bereits vor einiger Zeit bescheinigt, sie sei „die stärkste junge Geigerin weit und breit“. Dennoch: Seit ihr dieser wichtige Preis zugesprochen wurde, flattern ihr besonders viele Konzert- und Plattenangebote ins Haus. Festivals und große Orchester fragen an, „eine schöne Phase“, sagt sie mit einem Lächeln.

„2015 ist komplett voll mit Terminen, und teilweise auch schon 2016“, erklärt die junge Geigerin, die seit einem Jahr in Kassel lebt und perfekt Deutsch spricht. Wie es dazu kam? Vom Leiter der Musikakademie, Peter Gries, dem sie an der Musikhochschule Karlsruhe begegnet war, erfuhr sie von einer freien Dozentenstelle in Kassel und bewarb sich.

„Ich war 24 und dachte: Das probier' ich mal“, sagt sie. „Unterrichten hat mich schon immer gereizt.“ Acht Studierende und ein Jungstudent sind in ihrer Klasse. Die müssen flexibel sein und auch mal am Wochenende zum Unterricht kommen, denn Tianwa Yang ist viel auf Konzertreisen unterwegs.

Und ihr Name zieht: Immer mehr junge Geiger wollen ihretwegen in Kassel studieren. Hier bekommen sie eine Lehrerin, die nicht nur fachlich zur Spitze zählt, sondern mit ihrer lebhaften, sympathischen Art auch gut motivieren kann. Künstlerischer Dünkel ist der aus einfachen Verhältnissen stammenden Musikerin fremd.

Mit vier Jahren bekam sie in der Vorschule eine Geige in die Hand gedrückt - eine pädagogische Maßnahme in Chinas Hauptstadt. Die Violine wurde ihr Instrument - heute ist es (als Leihgabe) ein Exemplar der berühmten Geigenbauers Guarneri del Gesù. Tianwa Yang galt in China bald als Wunderkind, „Stolz Chinas“ nannte sie die Presse, und schon mit 13 Jahren spielte sie die 24 Paganini-Capricen ein - das Meisterstück für ambitionierte Geiger.

Ihre Konzertkarriere verlief rasant, nachdem sie eine Einladung in die USA erhalten hatte. Seitdem reist sie drei bis vier Mal pro Jahr zu Konzerten nach Amerika. Künstlerisch vervollkommnet hat sie sich in Deutschland - an der Karlsruher Musikhochschule, wo Prof. Jörg-Wolfgang Jahn ihr Mentor wurde. Möglich machte es ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Mittlerweile ist ihre Künstlerbiografie viel zu lang, um hier wiedergegeben zu werden. Das Orchester der Bayerischen Staatsoper, das BBC-Philharmonic Orchestra und namhafte amerikanische Orchester holten sie als Solistin. Aber auch mit dem Göttinger Symphonie-

Orchester hat sie mehrfach zusammengespielt. Auftrittsorte waren unter anderem die Berliner Philharmonie, das New Yorker Lincoln Center und die Londoner Wigmore Hall.

Ihre Einspielungen bei Naxos sorgen in der Klassikszene für Aufsehen, und auch ihr nächstes CD-Projekt klingt vielversprechend: Eine Gesamtaufnahme der Konzerte von Mario Castelnuovo-Tedesco, darunter eine Welt-Ersteinspielung, mit dem SWR-Sinfonieorchester.

Gerade wegen ihrer regen Konzerttätigkeit findet Tianwa Yang im Unterrichten ein gutes Gegengewicht: „Man muss sich selbst hinterfragen und betrachtet die Musik aus unterschiedlichen Blickwinkeln.“

Am Donnerstag ist Tianwa Yang bei den Kasseler Musiktagen in einem Duoabend mit dem Pianisten Nicholas Rimmer zu erleben, der seit drei Jahren ihr Klavierpartner ist. Sie wird Musik von Wolfgang Rihm spielen, ein Komponist, dessen technisch anspruchsvolle Stücke sie wegen der „tröstenden Klänge“, die sie an Schubert erinnern, sehr mag. Dazu wird sie mit ihrem Duopartner zwei Mozart-Sonaten und die A-Dur-Sonate op. 100 von Brahms spielen. Foto: Malmus

Konzert: Donnerstag, 20 Uhr, Ständesaal Kassel. Karten: Tel. 0561 / 203 204. 

ZUR PERSON

Tianwa Yang (27) wurde in Peking geboren und erhielt mit vier Jahren den ersten Violinunterricht. Sie studierte am Zentralkonservatorium in Peking. Ihren ersten Plattenerfolg feierte sie mit 13 - eine Aufnahme der Paganini-Capricen. Mit 16 Jahren kam sie nach Deutschland und studierte an der Musikhochschule in Karlsruhe. Bei Naxos hat sie unter anderem das Violinwerk Sarasates, die Ysaÿe-Violinsonaten und Werke von Wolfgang Rihm eingespielt. Für ihre CD mit den Mendelssohn-Konzerten erhielt sie 2014 einen Echo-Klassik-Preis. Konzertreisen führen sie in die USA, nach Asien und in die Konzerthäuser Europas. Seit 2012 ist sie Dozentin an der Musikakademie Kassel, seit 2013 lebt sie auch hier. (w.f.)

Von Werner Fritsch

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