Standing Ovations für Virtuosität und Zauberei

Staatsorchester Kassel zeigte Musik in neuen Zusammenhängen

Auf dem Weg zum Auftritt: Dirigent Yoel Gamzou (links) und Solist Afonso Fesch (rechts). Im Vordergrund die Staatsorchestermusikerin Maria Hrabat-Lis. Foto: Schachtschneider

Kassel. Yoel Gamzou und das Staatsorchester Kassel mit Originalwerken und Arrangements.

Es war eine musikalische Bilderschau: hier der Teufelskerl Samiel mit seinem bösen Zauber, da der verzweifelte Jäger Max, dort die ängstlich-erwartungvolle Braut Agathe. In der Ouvertüre zum „Freischütz“ hat Carl Maria von Weber die entscheidenden Motive seiner Oper schon mal gegeneinandergestellt.

Was passiert, wenn man diese Gegensätze nicht harmonisiert, sondern die einzelnen Bilder in den kräftigsten Farben ausmalt, zeigten Yoel Gamzou (27) und das Staatsorchester Kassel zum Auftakt des Sinfoniekonzerts in der Kasseler Stadthalle. In den dumpfen Schlägen von Pauken und Bässen war nicht nur die Samiel-Welt bedrohlich präsent, auch die Modernität Webers, der punktuell fast an Mahler erinnerte, wurde deutlich.

Musik in anderen als den ursprünglichen Zusammenhängen zu präsentieren, war das Thema dieses Konzerts, das mit dem Violinkonzert von Jean Sibelius aber auch klassische Konzertliteratur bot. Der portugiesische Geiger Afonso Fesch (26), der mit Yoel Gamzou in Kassel bereits das Violinkonzert von Elmar Lampson uraufgeführt hat, setzte das Eingangsthema mit feinem Ton in das Orchestertremolo - sein agogisch freies Spiel hatte etwas Eigenwilliges, in den unwirsch abgerissenen Phrasenenden auch etwas Trotziges.

Etwas introvertiert wirkte die große Kadenz, die das Zentrum des ersten Satzes ausmacht. Sehr zurückhaltend nahm Fesch auch den breiten Gesang des Adagio, während das höllisch schwere Finale den Geiger mitunter an seine Grenzen zu führen schien. Für den Applaus bedankte er sich mit Bachs d-Moll-Sarabande.

Die Melodien der Verdi-Oper „La Traviata“ sind Welthits. Hier waren sie einmal von einer Flöte gespielt zu hören -Yoel Gamzou hat dafür zwei Bearbeitungen von Emanuele Krakamp und von Giulio Bric-cialdi zusammengeführt. Der italienische Flötist Emiliano Zenodocchio (29) spielte sie mit virtuosem Schwung - und als Zugabe mit dem Staatsorchester eine eingängige Arien-Bearbeitung aus der Tschaikowsky- Oper „Eugen Onegin“.

Ein Kabinettstück von Yoel Gamzou bildete den finalen Höhepunkt des Konzerts: Der Kasseler Erste Kapellmeister hat Franz Schuberts virtuose Fantasie C-Dur D 956 für Violine und Klavier für ein klassisches Sinfonieorchester arrangiert. Das erklärte Ziel, aus dem Virtuosenstück ein ernsthaftes sinfonisches Werk zu destillieren, wurde glücklicherweise nicht ganz erreicht: Es wurde zu einem – ernsthaften – Virtuosenstück vor allem für die Holzbläser des Orchesters.

Von den einfallsreichen Orchesterfarben abgesehen, waren es die akrobatischen Zaubereien von Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott, die die Zuhörer in der ausverkauften Stadthalle zum Staunen brachten. Das klang zwar nicht immer nach authentischem Schubert - war aber ein großes Vergnügen.

Das Publikum spendete enthusiastisch Beifall und feierte die Musiker und den Dirigenten mit Standing Ovations.

Von Werner Fritsch

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