Vivaldi sportlich: Premiere der Oper „L’Olimpiade“ in Kassel

Kassel. Schon bei der Uraufführung 1734 in Venedig dürfte die Oper „L’Olimpiade“ einen sportlichen Eindruck hinterlassen haben. Nicht so sehr, weil darin ein Herrscher einem Olympiasieger seine Tochter zur Frau geben will.

Sondern weil die Musik Antonio Vivaldis eine Frische und Energie verströmt, die auch heute noch kräftig in die Ohren fährt.

2007 wurde „L’Olimpiade“ bei den Schwetzinger Festspielen erstmals in Deutschland aufgeführt. Die Produktion des Kasseler Staatstheaters, die am Samstag im fast ausverkauften Opernhaus Premiere hatte, ist vor allem ein musikalisches Ereignis.

Das Orchester ist bei der Ouvertüre hochgefahren, erst allmählich versinken die Musiker im Orchestergraben. Das hat Symbolcharakter. Denn von diesem Kraftzentrum aus steuert Gastdirigent Jörg Halubek das musikalische Geschehen. Es wird durch die kunstvollen Rezitative vorangetrieben, begleitet von einer sehr expressiv agierenden Continuogruppe mit zwei Theorben (langhalsige Lauten), Cembalo, Orgel und solistischem Cello.

Emotional verdichtet wird die komplexe Handlung in den Arien. Leiden, Enttäuschung, ja Verzweiflung erfahren die Figuren zuhauf in dieser Oper. Ausgangspunkt der Verstrickungen ist ein Freundschaftsdienst, den Megacle aus Dankbarkeit Licida erweist. Für ihn soll er als Olympiasieger die Hand der Königstochter Aristea erringen. Doch damit würden die „falschen“ Paare verbunden - und als sich am Ende alle Rätsel lösen, wird offenbar, dass Licida in Wahrheit Königssohn und der Bruder Aristeas ist.

Jörg Halubek, dem renommierten Barockspezialisten, ist in Kassel ein Doppeltes gelungen: Er schafft weite Bögen, so- dass Vivaldis Musik in diesen zweieinhalb Stunden einen starken Sog entwickelt. Und im musikalischen Detail hat Halubek mit allen Akteuren eine Dichte der Artikulation erarbeitet, die an spezialisierte Barockensembles heranreicht.

Höhepunkt des an starken Momenten reichen Abends war das an harmonischen Wendungen reiche Duett des Megacles mit Aristea zum Schluss des ersten Teils. Franziska Gottwald, die kurzfristig engagiert wurde und von der Seite aus die Arien des Megacles für die indisponierte Maren Engelhardt einsang, berührte mit feinster Stimmkunst und Ausdruckstiefe - im Dialog mit der ebenfalls ausdrucksstark agierenden Ulrike Schneider als Aristea.

Wieder am 13., 20. und 23.3., Karten: Tel. 0561 / 1094-222. www.staatstheater-kassel.de

Ein Feuerwerk an temperamentvoller Koloratur-Virtuosität brannte LinLin Fan als Megacles Vertrauter Aminta ab, und Belinda Williams zeigte als Argene feine barocke Gesangskunst. Christiane Bassek könnte als dunkel timbrierter Licida noch an Dramatik zulegen. Die homogene Ensembleleistung runden Tomaz Wija (Alcandro) und Marc-Olivier Oetterli (König Clistene) ab.

Das Inszenierungsteam mit Dominque Mentha (Regie), Justyna Jaszczuk (Bühne) und Sabine Böing (Kostüme) sorgt mit einer variablen, zweistöckigen Bühne für eine eindrucksvolle Optik. Nicht der dramatische Handlungsverlauf wird inszeniert, sondern es werden Konstellationen geschaffen, in denen die Figuren ihre Affekte ausleben. Über einer aus Türen bestehenden Wand eröffnen sich Räume für stimmungsvolle Bilder, beispielsweise einer dämmerigen Waldlandschaft.

Doch von den starken Tableaus abgesehen, gibt es szenisch auch einigen Leerlauf, etwa wenn eine ganze Arie lang nur Türen geöffnet werden, die bei der folgenden Arie wieder geschlossen werden.

Das Premierenpublikum gab langen, freundlichen Beifall samt Extra-Applaus für Franziska Gottwald.

Rubriklistenbild: © Klinger

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.