Neuauflage der Kultsendung Literarisches Quartett

Literarisches Quartett: "Marcel Reich-Ranicki wird wüten"

„Kritik ist brutales Aussieben“: Volker Weidermann. Foto: zdf

Jetzt wird wieder über Bücher gestritten: "Spiegel"-Autor Volker Weidermann reaktiviert für das ZDF die Kult-Sendung "Literarische Quartett". Wir sprachen mit dem Moderator.

Der Vorhang öffnet sich wieder: Nach fast 14 Jahren gibt es eine Neuauflage des „Literarischen Quartetts“. Gastgeber ist „Spiegel“-Kritiker Volker Weidermann. Heute werden besprochen: Péter Gárdos: „Fieber am Morgen“, Karl Ove Knausgård: „Träumen“, Chigozie Obioma: „Der dunkle Fluss“ und Ilija Trojanow: „Macht und Widerstand“.

Wenn Marcel Reich-Ranicki heute von seiner Wolke aus beim Literarischen Quartett zusieht, wird er sich freuen?

Volker Weidermann: Er wird wüten, schimpfen, Widerspruch äußern ... Nein, ich weiß es nicht. Wir kannten uns, haben in den letzten Jahren seines Lebens sehr intensiv miteinander gearbeitet, zwei- oder dreimal in der Woche telefoniert, und er hat schon gesagt, dass er das, was ich mache und wie ich es mache, schätzt. Und er war nicht so der Schmeichler. Aber wie er das sehen würde, dass seine Sendung von mir belebt wird? Das möchte ich mir nicht anmaßen zu fantasieren.

Liegt die Erwartungshaltung nicht wahnsinnig hoch? Zumindest die Älteren werden das alte Literarische Quartett als Messlatte sehen - und nostalgisch verklären.

Weidermann: Ja, die Erwartungshaltung ist riesig. Aber diese unglaublich starke Marke gibt auch Rückenwind. Das Risiko ist gigantisch, dass die Leute sagen: Was ist das für ein schlappes Gerede. Ich bin aber total mutig und entschlossen, diese Herausforderung und ich glaube auch, dass es funktionieren wird. Ganz anders als vorher. Es wird ein Schock sein, dass das Energiezentrum Reich-Ranicki fehlt. Ich bin ein ganz anderer Typ, so ein anderer Charakter - obwohl ich viel von ihm gelernt habe - dass die Vergleiche nach zehn Minuten aus den Köpfen verschwunden sein werden. Dann wird man frisch und neu gucken, ob das zeitgemäß ist.

Bei Reich-Ranicki wurde über Literatur unterhaltsam, aber auch erbittert und sehr ernsthaft gestritten. Wird es bei Ihnen auch so kontrovers zugehen?

Weidermann: Das ist natürlich mein Ziel. Es ging eben wirklich um etwas. Es wurde authentisch gestritten, da wurde auch nichts inszeniert. Es gab einfach fundamentale Unterschiede in der Auffassung von Literatur. Wenn man sich zu viert trifft, um über Literatur zu sprechen, muss das Ziel der Sendung sein, dass es grundsätzlich unterschiedliche Meinungen zu Büchern gibt, was das Gespräch in Gang setzt und Unterhaltung und Information liefert.

Bei Ihrer Kollegin Elke Heidenreich war Lesen ja immer eher so ein reines Wohlfühlding - gemäß der Devise: Wer liest, ist automatisch ein besserer Mensch. Geht es bei Ihnen auch um Kaufempfehlungen?

Weidermann: Auf keinen Fall! Es geht um Literaturkritik. Wenn dass den Effekt hat, dass Zuschauer sich angesprochen fühlen, den Kritikern vertrauen und das Buch kaufen, habe ich nichts dagegen. Aber es geht um eine Art von Wahrheit, um Kritik, Diskurs, den Austausch über Bücher. Elke Heidenreich, deren Sendung ich mochte und die ich persönlich sehr schätze, hatte immer einen missionarischen Eifer, das stimmt schon. Reich-Ranicki hatte immer die Auffassung: Wenn Sie wollen, können Sie auch Billard spielen, aber wenn Sie lesen, lesen Sie gute Bücher, und welche das sind, das weiß ich.

Und vor allem waren ihm viele Bücher zu lang.

Weidermann: Heute, wo 1000 Seiten zum guten Ton gehören, wäre er wahrscheinlich schon längst aus dem Quartett ausgestiegen.

Wie gut kennen Sie Christine Westermann und Maxim Biller, die mit Ihnen diskutieren werden?

Weidermann: Maxim Biller kenne ich relativ intensiv durch seine Kolumne bei der FAZ. Wir haben, egal womit das Gespräch begann, nach einer Minute über Literatur gesprochen und hatten augenblicklich diametral entgegengesetzte Meinungen. Christine Westermann kenne ich nur aus Radio und Fernsehen, aber ihre Art, mit ganzer Kraft und voller Energie begeistert über Literatur zu sprechen, gefällt mir sehr gut. Bei ihr bin ich gespannt, wie sie damit umgeht, wenn sie Bücher lesen muss, die ihr total gegen den Strich gehen. Sie sagte früher mal, Verrisse macht sie nicht. Das wird in der neuen Sendung nicht funktionieren. Das ist ja Kerngeschäft.

Wen werden Sie als Gäste dazuholen?

Weidermann: In der Regel Literaturkritiker, aber nicht so ausschließlich, wie das beim alten Quartett der Fall gewesen ist. In der ersten Sendung wird Juli Zeh zu Gast sein, die ich sehr schätze für ihre Art, über Literatur zu sprechen, und für ihr gesellschaftspolitisches Bewusstsein. Und danach? Mal gucken. Immer jemand anderes. Politiker, die auch mal ein Buch gelesen haben und in die Kamera halten wollen, bestimmt nicht.

Wer wählt die Bücher aus, die besprochen werden?

Weidermann: Hauptkriterium ist, dass jeder Teilnehmer ein Buch nennt, für das er wirklich brennt. Und am Ende entscheide ich. Vier Internet-Romane oder drei Holocaust-Erinnerungen oder vier Science-Fiction-Romane, die auf dem Mars spielen, da würde ich sagen: Nein, das ist Quatsch. Die Sendung lebt von der Vielfalt.

Setzen Sie mehr auf Entdeckungen oder reden Sie über die Bücher, die sowieso auf den Bestsellerlisten stehen?

Weidermann: Auf eine Mischung. Nichts wäre langweiliger als die Bestsellerliste auf und ab zu besprechen. Außerdem brauchen diese Bücher sowieso keine Sendung. Wenn man schon mal die Möglichkeit hat, mit einer solchen Sendung ein größeres Publikum zu erreichen, ist natürlich der Ehrgeiz, das zu entdecken, was nicht überall schon stapelweise liegt. Das zu verstärken, wäre langweilig und überflüssig. So leicht ist das nicht, Bücher jenseits dessen zu finden, aber klar - das ist unser Ehrgeiz.

Das Literarische Quartett hat Bestseller gemacht. Es gibt Autoren - Nooteboom, Marias - die dieser Sendung ihre Popularität verdanken. Wird Ihnen manchmal blümerant zumute angesichts dieser Verantwortung?

Weidermann: Das Verrückte ist, dass Marias auch in Spanien als wichtige Figur, als Schriftsteller, durch das deutsche Literarische Quartett durchgesetzt wurde. Das ist wirklich unglaublich. Das ist schon eine irre Verantwortung. Aber das schiebe ich so weit wie möglich beiseite. Das ist so, aber darum kann ich mich nicht kümmern. Das kann ich weder im Positiven noch im Negativen beeinflussen.

Sind die Zeiten nicht vorbei, in denen man im Fernsehen eine Viertelstunde über einen Roman reden kann - ohne Einspieler, ohne Unterbrechungen, ohne Twitter-Zitate von Zuschauern?

Weidermann: Ja, die Zeiten sind vorbei. Und deswegen ist es so eine tolle Idee, dass es jetzt gemacht wird. Ist das nicht super?

Im ZDF-Sportstudio sitzt immer ein Spieler oder Trainer, aber statt mit ihm zu reden, wird meist sofort ein Film gezeigt oder eine Frage über Twitter gestellt.

Weidermann: Schrecklich. Ich bin auch sicher, dass das ein falscher Weg ist. Das kommt bei uns nicht infrage. Der Puritanismus, zu dem das ZDF bereit ist, ist so unzeitgemäß, dass ich mich total freue.

Es gibt ja viele Marketing-Mittel, um Bücher populär zu machen - etwa auch den Deutschen Buchpreis mit seiner Vorauswahl in mehreren Stufen, Lesungen und Festivals werden größer. Was halten Sie von diesen unterschiedlichen Strategien, Bücher ins Gespräch zu bringen?

Weidermann: Das ist Ausdruck einer Sehnsucht nach Orientierung in einer unendlichen Flut von Neuerscheinungen. Ob der Buchpreis als wahnsinnige Erfolgsgeschichte immer ein Segen für alle ist, ist die Frage. Wenn man nicht draufsteht, ist das eine brutale Auswahl und Verdichtung. Wer hinten runter fällt, fällt grausam hinten runter. Aber das ist Teil des Geschäfts. Auswahl ist Auswahl, Kritik ist immer brutales Aussieben. Das ist Teil unseres Jobs. Wenn man dadurch vielen Büchern Unrecht tut, ist das Teil eines gewollten Erfolgskonzepts.

Im Zeit-Gespräch haben Sie gesagt: Die existenzielle Bedeutung von Literatur ist nicht mehr da, und das können wir nicht mehr nachstellen. Ist das wirklich so, und wenn ja, ist das nicht eine unglaubliche Verarmung?

Weidermann: Ich habe das im Zusammenhang mit Reich-Ranicki gemeint. Für ihn war Literatur - im Warschauer Ghetto und im Versteck bei einem polnischen Ehepaar - lebensgeschichtlich eine Frage des Überlebens. Für mich ist es das zum Glück nicht. Aber natürlich hat Literatur nach wie vor weltverändernde Kraft. Sie kann Dinge grundsätzlich in Frage stellen, wie etwa der aktuelle Jonathan-Franzen-Roman die Welt einer fast totalitären Überwachung im Internet. Als Alternative Literatur anzubieten, ist nicht die falscheste Antwort.

Vermissen Sie die FAZ eigentlich schon?

Weidermann: Ja, total. Das sagt gar nichts gegen den „Spiegel“. Aber dieser enthusiastische, intensive Zusammenschluss der FAZ-Feuilletonredaktion fehlt mir. Vor allem vermisse ich auf dramatische Art Frank Schirrmacher.

Zur Person

Volker Weidermann (45, geboren in Darmstadt) studierte Politik und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Er war Kritiker der „taz“, ehe er zur „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ wechselte. Seit 2003 war er Leiter des Feuilletons. Seit 1. Mai ist er beim „Spiegel“. Weidermann ist Autor mehrerer Bücher („Das Buch der verbrannten Bücher“, „Max Frisch“, „Ostende“). Der verheiratete Vater dreier Kinder lebt in Berlin.

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