Auftakt fürs „Leseland Hessen“ mit dem Moltke-Briefwechsel

Voll großer Strahlkraft

Jochen Striebeck

Kassel. Es dürfte eine Ausnahme beim seit 2003 existierenden „Leseland Hessen“ darstellen, dass nicht-fiktionale Texte den Auftakt der Reihe prägen: Kein berühmter Literat war am Samstag im Rathaus zum ersten der hessenweit 140 Termine in 26 Kommunen zu Gast, Belletristik gab es keine.

Doch der Briefwechsel zwischen Freya und dem inhaftierten Helmuth James von Moltke bis zur Hinrichtung des Nazi-Gegners am 23. Januar ’45 ist fesselnd, eindringlich, manche Passagen sind gar von poetischer Innigkeit. Jovita Dermota und Jochen Striebeck - die auch die Hörbuch-Fassung der im Frühjahr erschienenen 178 Briefe gelesen haben - trugen vor 50 Besuchern mit ihren angenehmen Stimmen eine klug montierte Auswahl vor. Darin wurden Dankbarkeit, Glauben und Einverständnis des Paars im letzten gemeinsamen Jahr, einem „Jahr mit großer Strahlkraft“ deutlich. Aber auch seine zeitweilige „animalische Angst vorm Sterben“ und die Versuche, alle Hebel für eine Rettung in Bewegung zu setzen. Dramaturgischer Höhepunkt: die Schilderung der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof, dessen Präsident Roland Freisler einst Stadtverordneter in Kassel gewesen war.

Kunstministerin Eva Kühne-Hörmann betonte, solche Briefe überzeugten durch Authentizität mehr als manche theoretische Betrachtung, und sie zeigten, dass ein „gesamtes soziales Gefüge“ verloren gegangen sei. Diese untergegangene Welt ist Kreisau, das schlesische Gut der Moltkes, das dem Widerstand im „Kreisauer Kreis“ den Namen gab.

„Ich werde mich immer an deiner Seite über die Felder gehen sehen“, schreibt Freya, sie wolle so lange wie möglich in Kreisau „kleben“ bleiben. Helmuth ruft sich nachts die blühenden Obstbäume ins Gedächtnis, ahnt aber eine „wilde Soldateska“ anrücken, sieht ihr „Berghaus“ brennen. Tatsächlich wird Freya aus Kreisau vertrieben.

Welche „Liebe und Heimatlichkeit“ vermittelt sie ihm, als sie den „Weihnachtsglanz“, die Seligkeit der Söhne schildert: „Du warst ganz fest bei uns.“

Von Mark-Christian von Busse

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