Ein Glück, dass Politik mitunter langweilig ist: „Spiegel“-Redakteur Dirk Kurbjuweit las in Vellmar

Volle Wucht, gepaart mit Präzision

„Spiegel“-Korrespondent und Schriftsteller: Dirk Kurbjuweit. Foto: von Busse

Vellmar. Es ist also ein Glück, dass Politik manchmal ziemlich langweilig ist. Zumindest bescherte das 70 Besuchern der Lesung am Montagabend im vollen evangelischen Kirchenzentrum Vellmar einen aufregenden Abend. Und unzähligen Lesern intensive Lektüre.

Dirk Kurbjuweit, politischer Korrespondent des „Spiegel“, notiert nämlich, wann immer er Leerlauf hat oder sich unterwegs ablenken will, in dicken Kladden Skizzen und Ideen für Romane, zum Beispiel in der Wartezeit, „bis Frau Merkel aus dem Büro des vietnamesischen Ministerpräsidenten kommt“, wie er in Vellmar erzählte. Er könne wie auf Knopfdruck zwischen zwei Welten wechseln. So laufen die Politik, die der 50-jährige Egon-Erwin-Kisch-Preisträger journalistisch begleitet, einige Jahre auch als Leiter des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, und die „Kraut und Rüben“-Sammlung seines literarischen Brainstormings nebenher.

Er könne Denken und Schreiben trennen, sagte Kurbjuweit. Wenn sieben oder acht Kladden voll seien, gehe er in Klausur. Er ordne seinen Stoff und lege los: „Schreiben ist dann nur noch Formulieren, nach Worten suchen. Ich muss nicht mehr denken.“ In drei Wochen ist ein Buch wie „Nicht die ganze Wahrheit“ oder „Kriegsbraut“ fertig.

Zuletzt erschien „Angst“, aus dem Kurbjuweit las: Die Geschichte, wie in die gut situierte, zumindest äußerlich intakte Berliner Familie Tiefenthaler Unheil einbricht. Der verschrobene, seltsame Untermieter wird zum Stalker. Er zeigt die Nachbarn an, verdächtigt sie des sexuellen Missbrauchs der Kinder.

Kurbjuweit schildert, wie die Familie in einen Strudel der Bedrohung, Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung gerät, wie die Ehe kriselt, das Vertrauen in den Rechtsstaat zerbricht, die „aufgeklärte Bürgerlichkeit“ sich auflöst. Bis aus Ohnmacht und Panik Selbstjustiz wird.

Kurbjuweit hat selbst beschrieben, dass eigene, „höllische“ Erfahrungen mit einem Stalking-Fall eingeflossen sind. Nach der einleitenden Bemerkung von Moderator Hans-Jürgen Breidenstein, der Autor sei von den immergleichen Fragen danach sicher genervt, hakte tatsächlich niemand mehr nach. Oder es war die Wucht von Kurbjuweits Geschichte, gepaart mit der feinfühligen Genauigkeit seines Erzählens, die die Zuhörer verstummen ließ.

Seine Bücher gäben ihm Gelegenheit, Orte kennenzulernen, in die er sonst nie käme, sagte Kurbjuweit. So auch Vellmar. Ein Kompliment für den Literaturverein Ecke und Kreis, der regelmäßig hochkarätige Autoren einlädt. „Wenn Sie nur eine Lesung machten“, hieß es bei Rowohlt, Kurbjuweits Verlag, „dann wäre es Vellmar.“

Dirk Kurbjuweit: Angst. Rowohlt Berlin, 256 S., 18,95 Euro.

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.