Marcus Wiebusch von Kettcar gibt auf seiner Solotour im nur halb vollen Kulturzelt ein solides Konzert

Voller Einsatz gegen die Flut

Kettcar-Frontmann auf Solotour: Marcus Wiebusch stellte sein Album „Konfetti“ mit einer siebenköpfigen Band im Kulturzelt vor. Foto: Zgoll

Kassel. So leer wie Freitagabend ist das Kulturzelt selten. Schade, denn Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch lieferte auf seiner Tour „Konfetti“ mit dem gleichnamigen Album ein grundsympathisches, solides Konzert ab – das viertletzte, ehe er seinen Soloausflug beendet und wieder mit der Indie-Band ins Studio geht.

Es war auch für Kettcar-Kenner, die bei „Deiche“ oder „Money Left To Burn“ jede Zeile mitsingen, jede neue Strophe („Balkon gegenüber“), ja die Variante eines Verses bemerken, ein besonderer Abend. Wiebusch hatte mit seiner Band gewettet, keinen Titel anzusagen wie üblich. Für jede Wiederholung gab’s einen Zehner in einen Pappbecher: „Der Chef zahlt alles“, versprach er „lecker Prosecco“. „Könnte so klingen“, leitete er viele Lieder gewunden-vorsichtig ein.

Wiebusch erzählte norddeutsch lakonisch von Kassel-Erinnerungen und -Eindrücken, etwa einem Auftritt mit seiner Punkband But Alive im Spot, Ansagen-Wiederholungsgefahr also gleich null: „Was ist das schön hier, die Aue. So was haben wir in Hamburg nicht.“

Der 47-Jährige, denkbar unprätentiös, in T-Shirt und Jeans, hatte eine große Kapelle mitgebracht. Die meisten Titel sind aber so energisch-druckvoll-geradeaus angelegt, dass es für Felix Weigt (Bass), Gitarrist Daniel Schaub und Schlagzeuger Florian Holoubek wenig Gelegenheiten gab, sich einzeln auszuzeichnen. Philip Sindy, Sebastian Borkowski und Jason Liebert griffen zu Trompete, Posaune, Sousafon und sogar zur Querflöte. Keyboarder Pär Lammers hatte bei „Der Tag wird kommen“ ein schönes Zwischenspiel.

Dieser nachdrücklich-entschlossene Acht-Minuten-Sprechgesang, eine Hymne gegen Schwulenfeindlichkeit im Fußball, war der eine, bejubelte emotionale Höhepunkt: „Jeder liebt den, den er will, und der Rest bleibt still.“ Der andere war ein fast intimer Moment, als Wiebusch mit seiner Gitarre und den Bläsern ins nicht mal halb gefüllte Rund stieg für den uralten Song „Was hätten wir denn tun sollen“.

Vor über 20 Jahren hatte der spätere Mitgründer des Indie-Labels Grand Hotel van Cleef den noch auf Solo-Kassette (Titel: „Hippiekacke“) veröffentlicht: Ein kleiner Junge versucht, „mit allem, was er hat“, seine Sandburg gegen die Flut zu verteidigen: „Und dieser Junge bin ich.“ Wiebusch, dessen Texte oft so wunderbar diffus im Ungefähren bleiben, macht immer noch „Heulbojensongs“, wie er sagt: Musik für alle, die den Kopf gerade so über Wasser halten, die heroisch, aber vergeblich kämpfen. Für alle, die sich zu kurz gekommen fühlen, Verluste zu verschmerzen haben.

Heute, schon ziemlich grau, ist es nicht mehr die Sandburg, um die man ringt, sondern die Pendelbeziehung („48 Stunden“). In der Überzeugung, dass wirklich große Tage noch kommen, „Spiel, Satz und Sieg“.

„Vergesst mich nicht“, bat Wiebusch nach den eineinhalb Stunden. Wie könnten wir.

Von Mark-Christian von Busse

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