John von Düffels Theaterstück feierte Premiere

Volltreffer: „Alle sechzehn Jahre im Sommer“ im Deutschen Theater

Ohne Fußball und Bier geht’s nicht: Gerd Zinck (links) und Paul Wenning in von Düffels Stück. Foto: Müller

Göttingen. Manchmal ist Fußball wichtiger als das wahre Leben. In John von Düffels Theaterstück „Alle sechzehn Jahre im Sommer“ müssen der angehende Mediziner Jochen und sein Kumpel schwere Entscheidungen treffen.

Ausgerechnet als sie im Sommer 1974 in ihrer Berliner WG das deutsch-deutsche WM-Duell sehen wollen, setzen die Wehen bei Carlos Freundin Magda ein. Der Empfang mit der Zimmerantenne ist nicht gut, und als Magda sich gerade vor Schmerzen windet, sagt Jochen: „bleib so. Super Empfang.“

Am Ende kommt zwar ein gesundes Kind auf die Welt, der Fußball-Fan Jochen betrauert jedoch die 0:1-Pleite gegen die DDR. Er sagt: „Wir sind Europameister, und die dürfen Europa nicht mal bereisen. Das ist unser Prager Frühling in Hamburg.“

In „Alle sechzehn Jahre im Sommer“ verbindet der Autor von Düffel Geschichte mit großen Fußball-Momenten und zeichnet so auf leichte Weise ein Porträt der deutschen Gesellschaft über mehrere Generationen und drei Weltmeisterschaften hinweg. Fußball trifft auf das wahre Leben. „Trilogie des veränderten Lebens“ heißt das Stück im Untertitel, das vor zwei Wochen in Koblenz uraufgeführt wurde. Der Wahl-Berliner von Düffel hatte es als Auftragswerk anlässlich des 225-jährigen Bestehens des dortigen Theaters geschrieben. Danach wurde eine Inszenierung in Wiesbaden gefeiert. Und nach der mit langem Applaus aufgenommenen Premiere am Deutschen Theater dürfte es auch in Göttingen zum Publikumsrenner werden.

Schauplatz ist eine Charlottenburger WG, deren Bewohner die Heim-WM 1974 verfolgen, den Titelgewinn 1990 miterleben und Teil des Sommermärchens 2006 werden. Indirekt kommt auch Göttingen vor. Die wilden Partys seiner Elterngeneration hat von Düffel in der Universitätsstadt kennengelernt, wo er 1966 geboren wurde. Im ersten Teil geht es tatsächlich drunter und drüber. WG-Bewohner Carlo flucht nach dem Eröffnungsspiel 1974 gegen Chile, dass das Fernsehen die Proteste seiner DKP-Freunde gegen den Diktator Pinochet rausgeschnitten hat. Feministin Heidrun will ein Plenum abhalten, weil Hans-Helge die Freundin von Jochen nackt gemalt hat. Und natürlich gibt es jede Menge Drogen.

Hier ist „Alle sechzehn Jahre im Sommer“ eine intelligente Boulevardkomödie, aber so lustig wird es nicht bleiben bis zum tragischen Ende. 1990 sind aus den Revolutionären bürgerliche Familien geworden, die neue Probleme haben. Und 2006 decken die Kinder die Lebenslügen ihrer Eltern auf.

Der Schweizer Erich Sidler inszeniert das Stück ohne Kürzungen in fast drei Stunden und mit viel Liebe zum Detail. Die an die Wand geworfenen Spielszenen kommentiert der ehemalige ZDF-Reporter Rolf Töpperwien, der in Göttingen studiert hat.

Paul Wenning als Macho Jochen und Gaby Dey als linksalternative Spießerin Heidrun sind grandios, aber „Alle sechzehn Jahre im Sommer“ ist ein wunderbares Ensemble-Stück. Im Programmheft sind die acht Schauspieler als Panini-Sammelbilder abgedruckt. Der Star ist die Mannschaft.

Nächste Aufführungen: 4., 16. und 30. Oktober. Karten unter: 0551/4969-11.

Von Matthias Lohr

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