Die Abrechnung eines Fans zum 20-jährigen Bestehen

Tocotronic ist die wichtigste deutsche Band und trotzdem überflüssig

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Zehn Alben in 20 Jahren: Jan Müller, (von links oben im Uhrzeigersinn), Dirk von Lowtzow, Arne Zank und Rick McPhail.

Womöglich bin ich der Falsche, um über das neue Album der Band Tocotronic zu schreiben. Denn ich war einmal ihr größter Fan - bis ich „Wie wir leben wollen“ hörte, das zehnte Album in 20 Jahren. .

Es hat den Glauben in meine Lieblingsband zerstört, weil es nervt und verschwurbelter Psychedelic-Mist ist. Die 17 Songs klingen nach dem Bombast-Rock der 70er, den der Punk und seine Nachfolger zu Recht zerstören wollten

Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und Schlagzeuger Arne Zank (sowie der 2005 dazugestoßene US-Gitarrist Rick McPhail) kommen aus dem Postpunk. Mit ihrem 1995 erschienenen Debüt „Digital ist besser“ begründete die Hamburger Band ungewollt eine Jugendbewegung.

Ihre Fans trugen die gleichen Trainingsjacken und Frisuren wie die Musiker. Die sloganhaften Songtitel wie „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“ wurden nicht nur mitgesungen. FAZ-Redakteure schmuggelten die geniale Pop-Prosa sogar jahrelang als Überschriften ins Blatt. Ohne solche Texte hätte es die ganzen deutsch singenden Epigonen wie Wir sind Helden nie gegeben.

Ihren geschrammelten Indierock bauten Tocotronic später zu einem eigenen Genre aus. Doch ihre Texte erzählten nicht mehr vom echten Leben, sondern von Dämonen und Geistern. Nebenbei schrieb von Lowtzow Artikel über Kunsttheorie. „Wie wir leben wollen“ ist Metapher gewordener Pop, der so klugscheißerisch daherkommt wie ein schlechtes documenta-Kunstwerk.

Natürlich ist nicht alles schlecht. Der Sound besticht durch einen faszinierenden Hall. Produzent Moses Schneider arbeitete in Berlin eigens mit einem speziellen Vierspurgerät aus dem Jahr 1958. Alles sollte so klingen wie bei den Beach Boys. Vorab gab es auf der Band-Webseite ein Hörstück, in dem McPhails zehnjähriger Sohn auf Englisch die Musik erklärt - in Anlehnung an Benjamin Brittens „The Young Person’s Guide To The Orchestra“.

Es gibt viele Uhuhuh-Chöre und noch mehr Instrumente, sogar eine orientalische Zither. Aber was nützt das, wenn die Songs langweilen? Sogar „Neue Zonen“, wo es um die Liebe zu Stofftieren und die EU-Asylpolitik geht, was kaum eine andere Band zusammen behandeln würde.

Vor drei Jahren habe ich von Lowtzow interviewt. Es war ein unangenehmes Gespräch. Ich dachte, er sei so wie seine Lieder, für die ich ihn verehrte. Aber dann redete er verquastes Zeug wie ein Philosophie-Student im 14. Semester. Es schien, als seien die Fragen unter seiner Würde. Schon damals erkaltete meine Liebe. Nun ist sie tot.

In „Vulgäre Phase“ singt von Lowtzow nun: „20 Jahre sind eine lange Zeit / Doch sollte man nicht kleinlich sein / Als lebender Leichnam glaub ich daran / The show must go on.“ Bitte nicht.

Tocotronic: Wie wir leben wollen (Universal).

Die Band

Gegründet: 1993 in Hamburg von den damaligen Studenten Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank. 2005 stieß der US-Gitarrist Rick McPhail dazu.

Beste Songtitel: „Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“, „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“, „Alles was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben“, „Im Zweifel für den Zweifel“

Von Matthias Lohr

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