Vorsicht bei Brustverlängerung: Helge Schneider in Göttingen

Voll in Aktion mit Saxofon: Helge Schneider in Göttingen. Links Gitarrist Sandro Giampiedro, rechts Keyboarder Rainer Lipski. Foto: Jelinek

Göttingen. Der Mensch stammt vom Affen ab. Also schlurft Helge Schneider mit hängenden Armen im gebeugten Schimpansenschritt auf die Bühne, sagt nichts, schnappt sich das Tenorsaxofon und los geht’s. Erst nach ungefähr zehn Minuten hat er sich gänzlich aufgerichtet - Evolution im Schnelldurchgang und eine ordentliche gymnastische Leistung.

Helge Schneider alias „Pretty Joe“ ist mit seinen „Dorfschönheiten“ in die Lokhalle Göttingen gekommen, „eine der schönsten Städte im Umkreis von 100 Metern“: Seine „Musikanten“ Peter Thoms (Percussion), Carlos Boes (Blasinstrumente), Sandro Giampiedro (Gitarre), Willy Ketzer (Schlagzeug), Kai Struwe (Bass) und Rainer Lipski (Keyboard) habe ihm das Arbeitsamt Kassel vermittelt. Erstaunlich viel musikalischer Sachverstand für die Ahle-Wurst-Metropole.

Einen fetten, warmen und satten Sound zwischen Jazz und Latin verströmen diese Dorfschönheiten, eine Band, die Schneider nicht nur ein Fundament für seine eigenen wilden Improvisationen legt, sondern den fantastischen Multiinstrumentalisten inspiriert und ihm einen Widerpart bietet.

Er lässt sich von Faktotum Bodo Tee servieren, bevor er ins „Katzeklo“ einsteigt. Dabei erfindet er das abgenudelte Stück mal eben ganz neu. Die Sache mit dem Tee ist allerdings durch, den ließ er sich schon vor zehn Jahren bringen. Damals war das sehr komisch.

Heute sind Sternstunden des Konzerts „To Be A Man“ (mit wüstem Synthesizer-Solo) und seine Version des J. J. Walker-Klassikers „Mr. Bojangles“, welche ihm - passend zum Thema des Songs Gelegenheit zu einer schrägen Tanzperformance gibt. Für zwei bizarre Tanznummern darf auch Sergej Gleithman mit seiner extravaganten Haar- und Barttracht auf die Bühne - Gipfel des Nonsenses.

Bei „Es gibt Reis Baby“ warnt Schneider vor Brustverlängerung, die Gefahr, sich in der Fahrradkette zu verheddern ist groß! Auch der alte „Meisenmann“ darf wieder Abenteuer erleben, bevor er von seiner Gattin verspeist wird.

Bierselige Männer in der fast ausverkauften Lokhalle grölen von hinten immer mal wieder „Helge, Helge!“ und „Bodoooo!“ und wünschen sich was, worauf Schneider antwortet: „Wünschen ist zwecklos - ist eh alles Playback.“ Der Schlussapplaus ist keineswegs frenetisch. Für die Zugabe setzt er sich nochmals ans Klavier, klimpert was und lässt sich breitschlagen, lustlos aber witzig den „Telefonmann“ zu zerlegen. Dann sagt er: „Jetzt ist Feierabend“ - und das Konzert ist beendet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.