Neu im Kino: Jüdisch-arabisches Regieduo geht in „Ajami“ der Gewalt auf den Grund

Vorurteile sind tödlich

Unbeschwerter Moment: Omar (Shahir Kabaha, Mitte) im Kreis seiner Vertrauten. Foto:  nh

Eine tödliche Verwechslung. Der Nachbarsjunge hat am Auto herumgeschraubt, als die Killer vorbeikamen und einfach geschossen haben. Die Kugeln galten Omar (Shahir Kabaha), dem jungen Oberhaupt einer Familie in Ajami, Stadtteil der arabischen Stadt Jaffa, die heute zu Tel Aviv gehört.

Omars Familie ist in eine blutige Fehde mit einem mächtigen Clan geraten. Er muss sich unter den Schutz des mächtigen christlich-arabischen Restaurantbetreibers Abu Elias (Youssef Sahwani) stellen, der vor einem islamischen Gericht einen Waffenstillstand bewirkt - gegen Zahlung einer so hohen Geldstrafe, die Omar keine andere Wahl lässt, als ins Drogengeschäft einzusteigen. Auch Omars Freund Malek (Ibrahim Frege) muss für Abu Elias arbeiten, er fährt illegal aus den Palästinensergebieten nach Tel Aviv und verbirgt sich in einem Container.

Dann ist da noch Dando (Eran Naim), der israelische Polizist, dessen Bruder kurz vor seiner Entlassung aus der Armee vermisst wird - ermordet? Seine Kollegen und er sind verzweifelt, weil ihre Arbeit von der Stadtteilbevölkerung nicht gewürdigt wird - die Bewohner helfen lieber den Drogendealern als der Polizei. Und Omars Freund Binj (Scandar Copti), dessen Bruder in einen Todesfall verwickelt ist - eine Messerstecherei auf der Straße, einfach, weil der jüdische Nachbar sich beschwert hatte. Und weil Binj eine Jüdin liebt, wenden sich seine Freunde von ihm ab.

Dem israelisch-arabischen Regieduo Scandar Copti und Yaron Shani ist mit seinem Debütfilm „Ajami“ Erstaunliches gelungen. Ihr intensives Stadtteilporträt zeigt die vielen Facetten eines unlösbaren Konflikts - fokussiert auf einer persönlichen Ebene. Ganz normale Menschen können den Spannungen nicht entkommen, selbst daheim auf dem Sofa nicht.

Mit raffinierten Perspektivwechseln schachteln Copti und Shani die Geschichten ineinander, erzählen erst aus einem, dann dasselbe aus einem anderen Blickwinkel. So wird immer deutlicher, wie tief das Nichtverstehen der Menschen reicht, wie tödlich wirksam Vorurteile sind. Und dass Schuldzuweisungen immer voreilig getroffen werden. Und die Spannung wird immer explosiver. Der Gewalt ist nicht zu entkommen.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 16

Wertung: !!!!:

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.