Vorwärts - rückwärts: Neujahrskonzert mit tollen Überraschungen

Maren Engelhardt

Kassel. Ein Konfettiregen ging im voll besetzten Opernhaus nieder, ehe man über eine sonderbare Musik staunte. Als Komponist war ein gewisser (Retav) Ssuarts Nnahoj vermerkt. Wer dies von hinten las, hatte die Lösung. Der Radetzkymarsch von Johann Strauss (Vater) erklang rückwärts!

Es war eine geradezu geniale Pointe zum Auftakt, und das Neujahrskonzert des Staatstheaters hielt dieses Niveau. Generalmusikdirektor Patrik Ringborg und das Staatsorchester servierten in bester Laune Hits und Überraschungen, Gefühlvolles und Skurriles.

Klassische Moderne von ihrer bizarren Seite gab es bei der Zirkuspolka, die Igor Strawinsky für ein Ballett aus je 50 Elefanten und Tänzerinnen geschrieben hatte. Spannend auch Aram Khatschaturjans Schauspielmusik zum Drama „Maskerade“ des abgründigen Romantikers Michail Lermontow. Ein Walzer eröffnete den Reigen – wirbelnder Schwung in Moll, leicht unheimlich.

Auch eine hervorragende Gastsolistin beeindruckte: Eldbjørg Hemsing, die man nicht nur wegen ihrer blendenden Erscheinung eine Violin-Elfe nennen möchte. Die Norwegerin spielte die „Méditation“ aus Tschaikowskys „Souvenir d’un lieu cher“ und Franz Waxmans bravouröse Carmen-Fantasie. Bei aller Brillanz klang sie nuanciert und mehr fein als lautstark auftrumpfend. Delikate Virtuosität der jungen Geigerin im roten Kleid.

Fürs Outfit hatte sich auch GMD Ringborg etwas einfallen lassen, denn nach der Pause erschien er augenzwinkernd in einer Trachtenjacke. Der Walzerkönig Johann Strauss (Sohn) wurde gefeiert – mit duftenden Rosen aus dem Süden, mit der Noblesse des Kaiserwalzers. Eine wienerische Skurrilität: der „Ägyptische Marsch“, bei dem das Orchester auch als Chor gefordert war.

Feinfühlig wie verschmitzt gestaltete Ringborg die Musik mit einem Dirigat, bei dem die Grenze zur Tanz-Performance fließend verlief. Und zwischendurch hatten Mitglieder des Opernensembles starke Auftritte.

Maren Engelhardt glänzte mit dem „Schwipslied“, Marian Pop mit zwei herrlichen Porträts aus dem „Zigeunerbaron“, LinLin Fan mit blitzblanken Koloraturen im „Frühlingsstimmen-Walzer“. Bei der ersten Zugabe setzte das Orchester ein virtuoses Perpetuum mobile in Gang, und dann gab’s nochmals den Radetzkymarsch. Diesmal in der originalen Richtung zum Mitklatschen.

Wiederholung: Sonntag, 5. Januar, 18 Uhr, Opernhaus. Karten: 0561 / 1094-222.

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