Wagner-Soap mit Irritationen: Barrie Koskys bilderreiche „Meistersinger“-Inszenierung zum Bayreuth-Auftakt findet viel Beifall

Bei Wagners in Wahnfried wird mal wieder gefeiert: (von links) Anne Schwanewilms (Eva), Klaus Florian Vogt (Walther von Stolzing) und Michael Volle (Hans Sachs). Foto: Nawrath / Bayreuther Festspiele

Bayreuth. Wenn es Filmaufnahmen von den Abendgesellschaften gäbe, die Richard Wagner in seinem Bayreuther Refugium Haus Wahnfried zu geben pflegte, dann würden sie wohl genau so aussehen: Der Meister wirbelt herum, empfängt, das Samtbarett auf dem Kopf, die Gäste, darunter Schwiegervater Franz Liszt und den Dirigenten Hermann Levi, den er als Musiker schätzt und als Juden verachtet.

Man packt Geschenke aus und setzt sich dann an den Flügel zur häuslichen Aufführung - und gibt „Die Meistersinger von Nürnberg“. Das alles passiert während des Vorspiels zu Barrie Koskys „Meistersinger“-Inszenierung, mit der die Bayreuther Festspiele am Dienstag eröffnet wurden - vor viel Prominenz, darunter Kanzlerin Angela Merkel und das schwedische Königspaar.

Die Inszenierung

Moment - hatten wir das hier nicht schon, Wahnfried auf der Bühne? Auch Stefan Herheim ließ 2008 seinen „Parsifal“ hier beginnen. Tatsächlich zitiert Kosky ihn ironisch: Fungierte damals ein großes Ehebett als Darsteller-Schleuse, so klettern diesmal die Festgäste aus dem Flügel (Bühne: Rebecca Ringst, Kostüme: Klaus Bruns).

Kosky entfaltet aber nicht wie Herheim ein historisches Panorama, sondern er zeigt Wagners „Meistersinger“ als Kopfkino des Komponisten, als Phantasmagorie des idealtypisch Deutschen, wo sich Meisterehre mit Kunstsinn verbindet - und in dem sich Wagner selbst als Protagonisten, den Schuster und Dichter Hans Sachs, fantasiert.

Und so verwandeln sie sich alle in der ersten Szene: Liszt in den Meister Pogner, seine Tochter Cosima wird zu Eva, die als lebende Trophäe des Meistersinger-Wettbewerbs ausgesetzt wird, und Wagner wird zu Hans Sachs. Der von allen als Außenseiter behandelte Levi aber wird zum verhassten und verspotteten Stadtschreiber Sixtus Beckmesser.

Bei Wagner nicht ausdrücklich eine Judenkarikatur, doch Kosky - Australier mit jüdischen Wurzeln - macht im zweiten Aufzug das Unausgesprochene sichtbar: in Form einer riesigen, zum Ballon aufgeblasenen Judenkarikatur des Nazihetzblatts „Der Stürmer“.

Die Szenerie hat sich da längst verwandelt: Man befindet sich jetzt im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse - so viel auch zu Wagners Idee der idealtypisch deutschen Stadt.

Am Ende der an plastischen Bildern und Situationskomik reichen Inszenierung (es soll sich ja um eine Komödie handeln) scheint alles im Lot: Stolzing hat Eva „ersungen“, Beckmesser ist weg, das mittelalterlich gekleidete Volk feiert. Den Schlussmonolog übers deutsche (Meister-)Wesen und „welschen Tand“ hält Sachs wieder als Richard Wagner - dem Autor der kruden Verse. Die Szene verschwindet, ein Orchester samt Chor wird gezeigt, von Wagner/Sachs lebhaft dirigiert. Die etwas schlichte Botschaft: Lasst Wagner doch reden - und hört einfach der Musik zu.

Die Musik

Die hat es in der Tat in sich. Der Dirigent Philippe Jordan vermeidet Pathos, lässt kraftvoll, flüssig und äußerst expressiv musizieren - notfalls auch auf Kosten der Präzision. Und er hat ein Ensemble zur Verfügung, das ausdrucksstark wie selten agiert. Held des Abends ist der Bassbariton Michael Volle als Hans Sachs/Wagner: Kraftvoll, herrlich timbriert und mit perfekter Diktion nimmt er dem Sachs die übliche Betulichkeit und macht ihn zum gefühlsstarken Kämpfer für seine Ideale.

Bravourös auch, wie verzweifelt-ausdrucksstark Johannes Martin Kränzle die Figur Beckmesser/Levi verkörpert. Anne Schwanewilms dagegen nimmt man die kindlich-trotzige Eva/Cosima angesichts stimmlicher Schärfen nicht so recht ab. Dagegen überzeugt Günther Groissböck als bassgewaltiger Veit Pogner/Liszt. Nicht ganz den erwarteten Starauftritt hatte Bayreuths derzeitiger Lieblingstenor Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing. Klar in der Höhe, etwas matt in den Mittellagen gab er den Junker.

Fazit: Ein guter Bayreuth-Erfolg, doch keine Sensation. In den großen Beifall mischten sich wenige Buhs für Dirigent und Regisseur - deutliche für Anne Schwanewilms.

Von Werner Fritsch

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