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Wagners „Götterdämmerung“ und das fatale Machtstreben

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In Unterhemden am Feuer: Bürgerinnen und Bürger werden Teil der Inszenierung in Wagners Oper „Götterdämmerung“ am Kasseler Staatstheater.
In Unterhemden am Feuer: Bürgerinnen und Bürger werden Teil der Inszenierung in Wagners „Götterdämmerung“. © Nils Klinger

Ovationen für Richard Wagners „Götterdämmerung“ am Staatstheater Kassel. Regisseur Markus Dietz und Generalmusikdirektor Francesco Angelico gelingt ein intensiver, bewegender Opernabend, der bei der Wiederaufnahme minutenlang gefeiert wurde.

Kassel – Das Böse kommt nicht von ungefähr: Im Albtraum erscheint dem eiskalten Intriganten Hagen sein Vater Alberich. Er gemahnt den Sohn, den goldenen Ring, der die Weltherrschaft verheißt, zu gewinnen. Dies sorgt schon im Original für Schauder, doch hier gibt es eine Verschärfung: Neben den beiden Sängern agiert ein Junge als kindlicher Teil Hagens. Aus Rache am Über-Ich erwürgt er Alberich. Eine Szene, die unter die Haut geht, in der Kasseler „Götterdämmerung“.

Bereits im März 2020 hatte es den letzten Teil von Richard Wagners monumentaler „Ring“-Tetralogie am Staatstheater gegeben. Ein einziges Mal, dann kam der Lockdown. Wie die gesamte Produktion hatte der Abschluss auch überregional viel Lob geerntet. Am Samstag war es so weit: Die „Götterdämmerung“ feierte ihre Wiederaufnahme im fast vollen Opernhaus. Nach mehr als sechs Stunden, zwei Pausen inbegriffen, standen Jubel und minutenlange Standing Ovations.

Einmal mehr beeindruckt die Wagner-Kompetenz des Generalmusikdirektors Francesco Angelico und des Staatsorchesters Kassel. Natürlich gibt es auch Wucht, aber wer dem Irrglauben anhängt, dass Wagner nur Bombast kennt, wird eines Besseren belehrt. Der Dirigent versteht sich wunderbar auf die filigranen Momente. Das Geflecht der Leitmotive klingt so organisch, wie die Balance sängerfreundlich ist.

Regisseur Markus Dietz erzählt die Handlung psychologisch schlüssig, ohne ihr eine bedeutungsschwangere Idee überzustülpen. Anschaulich zeigt er aber, wie sich Gewaltspiralen entwickeln. In seiner Version erscheint das Gold des Rheines als Humankapital – dargestellt von knapp 90 Bürgerinnen und Bürgern der Region. Sie verkörpern Ausgebeutete, und das Erleiden von Gewalt macht sie selbst gewalttätig. Während der eröffnenden Nornen-Szene kommt es zum Kampf ums wärmende Feuer. Nicht nur „die da oben“ sind vom fatalen Machtstreben angetrieben, die Geknechteten sind es genauso.

Kühle Abstraktion prägt die von Mayke Hegger gestaltete Bühne, etwa wenn ein Gerüst mit dem Logo W Wotans Walhall darstellt. Bedeutsam für die suggestive Wirkung ist das Licht-Design von Christian Franzen. Die Kostüme (Henrike Bromber) sind heutig, auch gibt es Videos (David Worm). Beklemmend wirkt die Sequenz, nachdem Hagens Intrige aufgegangen ist: Mittels Tarnhelm bezwingt Siegfried seine Braut Brünnhilde für den Blutsbruder Gunther. Das Video zeigt brutalste Gewalt an Brünnhilde.

Kelly Cae Hogan singt die Brünnhilde mit reichen Möglichkeiten an Ausdruck bis hin zur flammenden Dramatik. Daniel Frank – optisch ein ungestümer Rocker mit Drachen-T-Shirt – überzeugt als Siegfried mit hellem Tenor, der auch zum heldischen Furor fähig ist. Grandios ist der Auftritt der warnenden Waltraute: Ulrike Schneider glänzt mit farbenreichem Mezzo und hinreißender Emotion. Hansung Yoo lässt seinen balsamischen Bariton als Gunther erklingen, während Margrethe Fredheim der Gutrune ebenso viel Wärme wie Kraft gibt. Eine Wucht ist der eingesprungene Patrick Zielke als Hagen: Klar im Timbre, bezwingend diabolisch. Expressiv, wenn auch nicht ganz so klar klingt der Alberich von Thomas Gazheli.

Marta Herman, Ilseyar Khayrullova und – mit kleinen Abstrichen – Doris Neidig singen die mythischen Nornen. Umso neckischer sind Vero Miller, Clara Soyoung Lee und nochmals Marta Herman als Rheintöchter. Prächtig agieren die Chöre, allen voran die Herren, die für „Grand opéra“ im Musikdrama sorgen. Auch eine gewichtige stumme Rolle gibt es: Tänzerin Andréanne Brosseau als blutverschmierte Gestalt des Waldvogels, wohl eine Art Anima Siegfrieds. Für Schreckminuten sorgte ein Unfall, als sie in eine Podiumsvertiefung fiel. Doch dann tanzte sie weiter.

Am Schluss durchbricht Brünnhilde die Spirale der Gewalt. Walhall ist spektakulär abgebrannt, die Musik klingt hoffnungsvoll. Brünnhilde führt einen Jungen - Felix Hause, der zuvor das Hagen-Double gespielt hat – an den Bühnenrand. Der Junge gibt den Ring ans Publikum weiter. Nun liegt es an uns, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Von Georg Pepl

Wieder 19., 26.11., 5.2., 21.5., 10.6., staatstheater-kassel.de

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