Bayreuth: "Tannhäuser" - Die Wartburg als Fabrikanlage

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Mehr Installation als Bühnenbild: Joep van Lieshouts gigantische Kulisse für den „Tannhäuser“.

Bayreuth. Richard Wagners romantische Oper „Tannhäuser“, mit der die 100. Bayreuther Festspiele eröffnet wurden, spielt in einer Fabrikanlage, in der über ein System von Schläuchen und Tanks menschliche Exkremente in Biogas - und Alkohol - umgewandelt werden.

Während die Besucher im Festspielhaus zu ihren Klappsitzen drängen, ist der Vorhang bereits offen und auf der Bühne wird emsig gearbeitet.

Eine riesige, von rot und gelb gewandeten Arbeitern bevölkerte Werkhalle (Kostüme: Nina von Mechow) wird dominiert von einem roten Tank mit der Aufschrift „Alkoholator".

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Die Anlage ist eine Abwandlung der Großinstallation „Technokrat“ des holländischen Künstlers Joep van Lieshout (48) von 2004 und wirkt mehr als Installation denn als Bühnenbild. Vielleicht war es ein Fehler des Regisseurs Sebastian Baumgarten (42), den „Tannhäuser“ in diesem dominanten Raum spielen zu lassen, in dem das von ihm angekündigte dialektische Spiel zwischen Exzess und Ordnung wie ein Fremdkörper wirkte.

Am Ende reichte es für den früheren Kasseler Oberspielleiter nicht einmal für den üblichen Kampf der Bravos gegen die Buhs. Nur matter Beifall kontrastierte die deutliche Ablehnung seiner Inszenierung, die über weite Strecken uninspiriert und - kaum zu glauben beim Theaterprovokateur Baumgarten - bieder wirkte.

1. Akt

Aus dem Bühnenboden empor fährt der Venusberg, ein runder Käfig, in dem eine Horde Steinzeitmenschen wild hüpfend und kopulierend haust. Venus (Stephanie Friede) ist eine hochschwangere Frau. Ein netter Einfall: Ausufernde Lust bedeutet auch Fruchtbarkeit, während das asketische Liebesideal der Wartburgritter zum Aussterben der Menschheit führen müsste. Doch dass Tannhäuser (Lars Cleveman) mit dem Venusberg auch eine schwangere Frau verlässt, untergräbt sein Motiv, vom permanenten Exzess in eine Welt der Ordnung zu fliehen.

2. Akt

An Fahrt gewinnt die Oper mit dem Auftritt Elisabeths (Camilla Nylund), der heimlichen Hauptfigur dieser Inszenierung. Im Eiltempo wirft sie beim Eintreffen Tannhäusers ihr enges moralisches Korsett über Bord („Fast kenn’ ich mich nicht mehr“). Sie behängt sich mit Schmuck und wirft sich an die Brust des Helden, der mit ihr für einen Quickie in den Venusberg abtaucht. Doch beim Sängerkrieg auf der Wartburg, der in Wahrheit die Konfrontation zweier Liebeskonzepte ist, reduziert das Auftauchen der schwangeren Venus den Konflikt auf die Ebene „Mann zwischen zwei Frauen“. Umso faszinierender, wie blitzschnell Elisabeth die Konsequenz aus der neuen Situation zieht, sich Wundmale beibringt und sich als machtvolle Heilige inszeniert.

3. Akt

Aus einem großen Holzcontainer mit der Aufschrift „Rom“ staksen die „gereinigten“ Pilger wie Aufziehpuppen. Elisabeths lautes Schluchzen verrät ihre Enttäuschung über das Ausbleiben Tannhäusers. Nun wird sie endgültig zur Heiligen werden - das Hintergrundbild einer barbusigen Maria wird ersetzt durch die heilige Elisabeth. Im großen Finale nach Tannhäusers Erschöpfungstod vereinen sich die Welten - und dank des Venus-Babys ist auch der Fortbestand der Menschheit gesichert.

Fazit

Eine starke Elisabeth-Profilierung allein ist zu wenig für eine Bayreuth-Inszenierung. Darüber helfen Baumgarten auch zahlreiche Film- und Schrifteinblendungen und die Pausenbespielung der Installation nicht hinweg. Brecht’sche Brechungen, für die das (auch im positiven Sinne) abgebrühte Bayreuther Premierenpublikum nur ein Achselzucken übrig hatte.

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