Dürrenmatts „Die Physiker“ deutsch-französisch im Dock 4

Wahn und Wirklichkeit

Vielseitig: Milena Aboyan und Julien Barthelemy in den „Physikern“. Foto:  Zgoll

Kassel. Zum Schluss ein Orgasmus und ein Mord. Bühnenwirksam natürlich und fast pantomimisch inszeniert. Die Krankenschwester im heißen Outfit sinkt zu Boden, Möbius mit der Zipfelmütze steht überrascht daneben. Er hat ja nur getötet, um seine „Weltformel“ zu schützen. Der verblüffenden Wendung folgt eine weitere auf dem Fuß.

Drei Physiker im schweizerischen Irrenhaus, Newton, Einstein und Möbius, beschließen, im Sanatorium zu bleiben, denn nur hier sind ihre Erkenntnisse sicher. Die Welt da draußen ist viel zu gefährlich für ihr bahnbrechendes Wissen.

„Nur im Irrenhaus dürfen wir noch frei denken“, ist die Botschaft, die Friedrich Dürrenmatt in sein 1962 uraufgeführtes Stück „Die Physiker“ hineinschrieb. Aufgeführt wurde die philosophische Farce über Nukleartechnologie, Menschenwahn und Skrupellosigkeit in einer vom deutsch-französischen Jugendwerk unterstützten Koproduktion der Kasseler Schauspielschule mit dem Théâtre d’Art Contemporain en Action (TACA) aus Paris im Dock 4.

Deutsche Schauspielschüler und junge französische Theaterprofis bilden ein Ensemble, das von Francois Dragon lebendig und experimentell in Szene gesetzt wird. Der Regisseur aus Frankreich nimmt dem Stück seine Schwere, lässt alles fließen, gleiten, setzt auf Verdoppelungseffekte, Rollen- und Geschlechterwechsel mitten im Spiel. Die von Geheimdiensten umstellten Physiker und all die anderem in dem Schweizer Sanatorium geraten ihm zu schrägen Vögeln, Assoziationen zu einem „Käfig voller Narren“ sind mehr als gewollt. Der Kommissar spielt hinreißend seine Ähnlichkeit mit Inspektor Columbo aus, die Leiterin des Irrenhauses schwebt als glamouröse Paris Hilton in den karg möblierten Bühnenraum, und die Herren Pfleger haben wohl Anleihen bei den Chippendales genommen.

Als witziges Spiel von gespieltem und echtem Wahnsinn, von Schein und Sein sowie der Grundfrage, wer denn nun normal ist, treibt das junge Ensemble seine mal deutsch, mal französisch gesprochene Performance lustvoll voran.

Krimi, Science Fiction oder nur Gedankenspiel - hier regiert das kreative Chaos und lässt den Dürrenmatt-Klassiker ganz heutig wirken, ohne seine Tiefe zu verraten. Und wie hier die Sprache der Schauspieler vom Deutschen ins Französische wechselt (Untertitel sind auf der Rückwand zu lesen) gibt der Aufführung einen zusätzlich reizvollen Flow. Ein gelungenes Experiment, welches das Publikum im Dock 4 mit euphorischem Applaus quittierte.

Es spielten die Schauspielschüler aus Kassel: Milena Aboyan, Lara Gesell, Luisa Klodt, Marie Josefine Schröder, Michael Rautenberg und Janning Sobotta. Vom TACA aus Paris waren zu sehen: Celine Bevierre, Joana Rubio, Alfred Luciani, Adrien Daquin Mathieu Blazquez, Gaetan Delaleu und Julien Barthelemy.

Von Juliane Sattler

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