Regisseur Philipp Stölzl über seinen Film „Goethe!“ und den Überschwang des jungen Dichters

„Wahnsinniger Gefühlsexzess“

Im Schaffensrausch: Alexander Fehling als junger Goethe in Philipp Stölzls Film. Foto:  apn

In seinem diese Woche anlaufenden Kinofilm „Goethe!“ vermischt Regisseur Philipp Stölzl Dichtung und Wahrheit über die Selbstfindungsphase im Leben des Dichterfürsten zu einem heiteren und frechen Liebesfilm.

Herr Stölzl, darf man sich von Ihrem Film „Goethe!“ an „Shakespeare in Love“ oder „Stolz und Vorurteil“ erinnert fühlen?

Philipp Stölzl: Oh ja. Diese Filme haben es geschafft, dem Damoklesschwert des Kostümfilms zu entkommen. Sie sind glaubhaft historisch, gleichzeitig verlieren sie nicht ihren Witz und die Heutigkeit der Figuren. In „Shakespeare in Love“ popularisiert man ein literarisches Thema fürs Kino, diesen Weg sind auch wir gegangen. „Amadeus“ möchte ich noch als Vorbild nennen. Für mich ist es der schönste und wahrste Film über Mozart. Ich kapiere etwas über ihn und seine Musik, obwohl der Film sehr viel mehr Fiktion als historisch korrekt ist.

War es Ihnen ein Anliegen, Goethe einer jungen Generation nahezubringen?

Stölzl: Unbedingt, auch wenn das sich erst mal nach einem bildungsbürgerlichen Auftrag anhört. Goethe ist ein Thema, das uns umgibt. In jeder Stadt gibt es eine Goethestraße. Er ist Teil unserer kulturellen Identität. Das macht Goethe aber nicht automatisch zu einem tollen Kinothema. Wir holen Goethe als ganz jungen Mann ab, als Stürmer und Dränger, der seinen Weg noch sucht. Er hat Konflikte mit seinem Vater, er soll eigentlich gar nicht schreiben, er studiert Jura. Er weiß nicht, welche Richtung er in seinem Leben einschlagen soll. Das Kino braucht Helden mit Konflikten, um die man bangt.

Das wäre beim späteren Goethe schwieriger?

Stölzl: Der weiß alles und kann alles, da kann man als Zuschauer nur zu ihm auf seinem Sockel aufblicken. Wir hatten die Chance, uns dem jungen Goethe auf mitreißende Weise zu nähern. Ob das am Ende für junge Leute eine Tür zu Goethe öffnet, muss man sehen.

Im Film heißt es kritisch, „Schwulst kommt immer gut an“. Sie selbst beweisen viel Mut zum Gefühl.

Stölzl: In einem romantischen Liebesfilm wie diesem muss man eine Grenze ziehen. Was ist noch großes Gefühl? Wo fängt der Kitsch an? Es gibt Momente, in denen das kippt. Das geht mir manchmal in amerikanischen Filmen so. Wenn man heute Goethes „Werther“ mit seinem wahnsinnigen Gefühlsexzess liest, kann man auch fragen, ob das nun Schwulst ist. Aber am Ende kriegt er dich doch, weil er sprachlich toll ist und dich die Geschichte fesselt.

Gab es die Phase der Selbstzweifel auch in Ihrem Leben?

Stölzl: Ja, ständig. Von außen kann der Eindruck entstehen, dass einem immer alles gelingt. Tatsächlich hatte ich beruflich immer viel Glück. Aber es steckt auch eine wahnsinnige Menge an Arbeit drin. Beim Dreh von „Goethe!“ gab es Momente, in denen man denkt, ich hasse mein Leben, ich hasse meinen Beruf. Aber man kämpft weiter und kriegt es dann hin.

Haben Sie als Regisseur einen kommerziellen Ansatz?

Stölzl: Ich würde lieber das Wort „breit“ benutzen. Man steckt so viel Arbeit in einen Film. Und bei einem Populärgenre wie dem Kino will man natürlich, dass viele Leute ihn sehen. Als Zuschauer schaue ich mir gern auch sperrige Filme an. Aber als Macher hege ich immer den Wunsch, breit und populär zu arbeiten.

Von André Wesche

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