Das Museum Schloss Wilhelmshöhe zeigt mit Zeichnungen, dass große Werke immer im Kleinen entstehen

Die wahre Mutter aller Künste

Monumental: Paolo Veroneses Bild „Das Gastmahl im Hause des Levi“ (1571) ist im Original 5,50 m mal 13,10 m groß. Fotos: mhk

Kassel. Wenn Maler Bernd Küster fragen, ob er nicht ihre Bilder ausstellen wolle, sagt der Direktor der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK) stets diesen Satz: „Zeigen Sie mir erst mal Ihre Skizzen.“ Der Kunsthistoriker glaubt, dass ein schönes Bild jeder malen könne, aber die Zeichnung, da ist sich Küster sicher, „ist die Mutter aller Künste“.

Die Bedeutung im Schaffensprozess zeigt die neue Ausstellung „Dem künstlerischen Genius auf der Spur“ im Kasseler Museum Schloss Wilhelmshöhe am Beispiel italienischer Zeichnungen. „Jeder Künstler fängt mit einer Skizze an“, sagt Dr. Christiane Lukatis, Leiterin der Grafischen Sammlung. Erst dann wird die Idee in ein anderes Medium wie Malerei, Bildhauerei oder Architektur umgesetzt.

Die Ausstellung basiert vor allem auf dem Vermächtnis des ehemaligen Kasseler Museumsdirektors Prof. Erich Herzog (1919-2000), der als Sammler mehr als 450 Zeichnungen und Druckgrafiken italienischer Meister des 16. bis 18. Jahrhunderts zusammentrug. Die Sammlung, die ein Jahr nach Herzogs Tod in den Besitz der MHK überging, ist eine Fundgrube, aber auch der „Albtraum eines Restaurators“, wie Lukatis sagt. Teilweise waren die Skizzen mit Tesafilm überklebt.

Fünf Jahre beschäftigte sie sich mit den Zeichnungen und recherchierte unter anderem in Florenz, um herauszufinden, welche Skizze welchem Gemälde Pate stand. Die Ausstellung zeigt nicht nur diese mühsame Spurensuche, sondern auch das Handwerk der Künstler. Bei den Skizzen zu Baldassare Franceschinis „Glorie des hl. Philippus Benitus“ (1671) etwa erkennt man sehr schön das Ringen um die künstlerische Form. Auf dem Gemälde reicht eine Mutter ihr Kind dem Heiligen. Zuvor zeichnete der Maler des späten Barock (1611–1689) sie in 20 verschiedenen Haltungen.

Das Herzstück der Ausstellung stammt von dem Renaissance-Maler Paolo Veronese (1528-1588). Das Museum zeigt die einzig erhaltene Skizze zu dessen Werk „Das Gastmahl im Haus des Levi“. Eigentlich hatte er den Auftrag, für ein venezianisches Kloster Jesu Abendmahl auf einer 70 Quadratmeter großen Wand zu malen. Weil Veronese 13 Figuren zu wenig erschienen für die Fläche, erfand er 60 Figuren hinzu, unter anderem einen Zwerg und deutsche Landsknechte.

Nachdem sich Veronese wegen Blasphemie einem Inquisitionsprozess stellen musste, änderte er einfach den Titel: Statt des heiligen Abendmahls war nun ein „Gastmahl im Haus des Levi“ zu sehen. „Eine geniale Lösung“, wie Lukatis meint.

Andere Genies machten ihr hingegen das Leben schwer. Weil die Lehrlinge in den damaligen Kunstakademien sich vor allem den Stil des Meisters aneignen sollten, mussten sie in den ersten Jahren der Ausbildung fast ausschließlich kopieren. Das konnten sie so gut, dass viele Originalskizzen heute von den Kopien kaum zu unterscheiden sind. Auch das ist große Kunst.

Dem künstlerischen Genius auf der Spur. Italienische Zeichnungen. Bis 9. Januar 2011. Museum Schloss Wilhelmshöhe. Di - So, Feiertag 10 - 17 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr. Kontakt: 0561/31680-123.

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