Der wahre Shakespeare? Der Dramatiker Christopher Marlowe

Der Künstler als junger Mann: das einzige Porträt Christopher Marlowes.

Der Wirtshausstreit um eine Rechnung könnte Dreh- und Angelpunkt für den größten Betrug der Literaturgeschichte sein. Es war im Jahr 1593, als wegen einer Lappalie Christopher Marlowe 29-jährig erstochen wurde.

Dichter, Sprachtalent, Eliteuni-Stipendiat, Star der literarischen Londoner Szene und Mitglied politisch einflussreicher Kreise in unmittelbarer Nähe zu Königin Elizabeth I. An diesem Mittwoch jährt sich sein Tauftag zum 450. Mal. Geburtstage wurden damals nicht notiert.

Nach dem Mord ging alles ganz schnell: Eine Leiche wurde Leuten präsentiert, die nicht wussten, wie Marlowe eigentlich aussah. Die Königin selbst begnadigte den mutmaßlichen Mörder alsbald. Gab es also ein Komplott? War Marlowe gar nicht gestorben? Musste er nur heimlich außer Landes geschafft werden, um eine Geheimoperation oder schlicht sein Leben nicht zu gefährden?

Viele Wissenschaftler sehen das so. „Eine Inszenierung“, sagt der Münchner Marlowe-Experte Bastian Conrad zum vermeintlichen Tod. Schließlich schwelte zu jener Zeit der Konflikt zwischen Protestanten auf der Insel und papsttreuen Katholiken, die auf dem Festland mächtig waren, etwa in Spanien. Marlowe war eng verbunden mit Elisabeths Geheimdienstchef, hatte als Spion gearbeitet.

Nun fügt es sich, dass just 1593 die Verserzählung „Venus und Adonis“ veröffentlicht wurde, und damit der junge Schauspieler William Shakespeare (nach kleineren vorherigen Veröffentlichungen) literarisch in Erscheinung trat. Ein Erfolgskanon unsterblicher Gedichte und Dramen folgte, die den Dichter zum wichtigsten Dramatiker aller Zeiten machen. Nur: Womöglich hat Marlowe die Werke im Exil verfasst und mit dem gleichaltrigen Aufsteiger Shakespeare ausgehandelt, dass sie unter seinem Namen veröffentlicht werden.

Shakespeare hatte kaum Bildungs- und Reisemöglichkeiten, fraglich also, sagen die Anhänger der Marlowe-Theorie, woher er die Kenntnis über ferne Länder haben sollte, die in den Dramen vorkommen. Der gebildete, mehrsprachige Marlowe aber, der schon Erfolgsstücke veröffentlicht hatte und sich im Geheimen möglicherweise nach Italien durchschlug, hätte etwa in Verona Inspirationen für die liebenden Sprösslinge verfeindeter Sippen haben können - stammt „Romeo und Julia“ aus seiner Feder? Ein Forscherstreit ist entbrannt und noch keineswegs entschieden. Marlowe gehört zu den wahrscheinlichsten Kandidaten, die für Shakespeares Autorschaft gehandelt werden. Die Shakespeare-Seite erkennt andere Theorien über die Urheberschaft des Werks aber nicht an.

1564 in Canterbury geboren, studierte er in Cambridge und stand im Geist der Renaissance, die die Freiheit und Vernunft des Menschen feierte. 1587 wurde sein erstes Theaterstück aufgeführt, er wurde zum Star der Londoner Szene, die das Theater als neues Massenmedium schätzte. Marlowe prägte die Form des Blankverses (derer sich - Zufall? - auch Shakespeares bediente) - und besorgte die erste Dramatisierung der Dr.-Faustus-Legende.

Shakespeare schrieb in seinem Testament nur von seinem Bettzeug - nicht von Literarischem. Vielleicht weil nicht er, sondern aus dem Verborgenen heraus Christopher Marlowe für die unsterbliche Dichtung verantwortlich war.

Von Bettina Fraschke

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