Viel Beifall

Staatstheater: Hulkar Sabirova glänzt in der Titelrolle der Oper „Norma"

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Normas schockierendes Bekenntnis ihrer Verfehlung: „Son io - Ich bin es !“ Szene mit Hector Sandoval (Pollione, Zweiter von links), Hulkar Sabirova (Norma) und Mitgliedern des Opernchors. 

Kassel. Hulkar Sabirova glänzt am Kasseler Staatstheater in der Titelrolle von Vincenzo Bellinis Oper „Norma".

Die Welt ist eisig und trostlos, bevölkert von verwundeten Soldaten. Die karge Bühne, in deren Mitte ein kleines Feuer brennt, wird eingerahmt von Betonmauern (Bühnenbild Etienne Pluss). Wir befinden uns in der Zeit des Faschismus, wie Hugo Holger Schneiders Kostüme verraten. Hierher versetzt Regisseurin Yona Kim Vincenzo Bellinis Oper „Norma“, mit der das Kasseler Staatstheater am Samstag seine Spielzeit eröffnete.

Aus der gallischen Priesterin (Hulkar Sabirova) wird eine Kriegsmutter, die ihre beiden Kinder, die sie mit ihrem heimlichen Geliebten, dem römischen Besatzer Pollione (Hector Sandoval), hat, in einem Versteck von ihrer Vertrauten Clothilde (Inna Kalinina) versorgen lässt. Es ist diese Schreckenswelt, die nicht nur dem Hass, sondern auch der Liebe stets ein gehöriges Maß an Verzweiflung beimischt.

Und neue Gewalt hervorruft. Dafür stehen vor allem der stimmgewaltige Anführer Oroveso (Hee Saup Yoon) und der starke Opernchor mit seinem martialischen Kriegsgesang („Guerra! Guerra!“). Ob die Oper damit enden muss, dass ein Rollkommando unter Polliones Vize Flavio (Paulo Paolillo) mit MP-Feuer alle niedermäht außer – ausgerechnet! – Norma, sei dahingestellt. Denn es geht ja im engeren Sinne um das Beziehungsdreieck von Norma, Pollione und Adalgisa (Ulrike Schneider), jener Novizin, die der Römer hinter Normas Rücken zu seiner neuen Geliebten macht.

Naive Träume als Braut: Ulrike Schneider ist Adalgisa.

Ihnen überlässt Yona Kim über weite Strecken die Bühne, wobei an der Rückwand immer wieder Traumbilder wie Pop-up-Fenster aufploppen, etwa um Normas heile Vater-Mutter-Kinder-Familien-Fantasie zu illustrieren. Und es sind einfache Requisiten wie ein kleiner Brautschleier, mit denen die Regisseurin die Wahrnehmung lenkt. Mehr ist nicht nötig, weil die Wahrheit in den Personen liegt – vor allem in Bellinis fein psychologisierendem Belcanto-Gesang.

Wie Hulkar Sabirova – nach schönem Flötenvorspiel – Normas berühmte Auftrittsarie „Casta Diva“ (Keusche Göttin) im klangvollsten Pianissimo beginnt, in weitem Bogen steigert, sich dann in der schnellen Cabaletta mit ihren rasenden Koloraturen von der Priesterin in eine liebende Frau verwandelt, ist nicht nur gesanglich großartig. Es ist auch ein faszinierendes Psychogramm dieser emotional so zerrissenen Opernfigur. Deren ganze Tiefe lotet Sabirova zu Beginn des zweiten Akts aus, als Norma ihre Kinder töten will, dann aber von der Liebe zu ihnen überwältigt wird. Ein Rezitativ, das in eine Arie mündet – hier ein purer Seelengesang.

Normas zwischen großzügigem Verständnis und blankem Hass changierendes Verhältnis zu Adalgisa wird grandios ausagiert in wunderbaren Duetten mit Ulrike Schneider. Zunächst naiv kokett, dann emotional jäh gebrochen, ist Schneiders Adalgisa stimmlich ein ebenbürtiger Widerpart Normas. Und die a cappella gesungenen Duettpartien der beiden Sängerinnen gehören zu den Höhepunkten dieses herausragenden Sängerabends.

Dem schließt sich Hector Sandoval als Pollione mit feinem Tenorschmelz, strahlender Höhe und viel Italianità nahtlos an. Polliones Schlussgesang, seine sängerische Vereinigung mit Norma im gemeinsamen Todeswunsch, wird szenisch aber konterkariert durch seine fortgesetzte Tändelei mit Adalgisa. Denkbar – wenn denn Bellinis Musik auch lügen kann. Diese ist beim Gastdirigenten Joakim Unander in sicheren Händen. Mit dem Staatsorchester legt er den Sängern einen gut begehbaren Teppich aus, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Starker Beifall.

Wieder am 10., 18., 25.10., Karten: Tel. 0561 / 1094-222.

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