Die Wahrheit liegt in den Stimmen: Verdis „Otello“ am Staatstheater Kassel

Kassel. Erschreckt zuckten viele im Publikum zusammen, als mit einem Fortissimo-Ausbruch aus dem Nichts der Seesturm im Orchester lostobte. So ist Verdis „Otello“. Diese Oper kommt sofort zur Sache - und sie lässt einen nicht mehr los, bis zweieinhalb Stunden später das Werk der Zerstörung vollendet ist.

Danach setzte ein etwas sanfterer Sturm im ausverkauften Kasseler Opernhaus ein - Premierenbeifall für die Sängerriege, allen voran für Sara Eterno, den Dirigenten Marco Comin, die Chöre (besonders den strahlend weiß gekleideten Kinderchor), das Orchester und - mit reduzierter Windstärke - auch für das Regieteam.

Doch der Reihe nach. Als sich der Vorhang öffnet, wird der Blick frei auf einen riesigen schwarzen Raum mit seitlichen Laufstegen und drei gigantischen Turbinenrädern - eine vage Assoziation an Industrielandschaft, an Seefahrt und an gewaltige Kräfte.

Erkennt die Wahrheit: Otello (Ricardo Tamura) hält die tote Desdemona (Sara Eterno) im Arm.

Ein eindrucksvoller Raum, den Daniel Roskamp geschaffen hat, aber auch ein problematischer. Verdis „Otello“ benötigt zwar eine Plattform für die großen Chöre, etwa (in Trauerschwarz - Kostüme: Sabine Böing) bei der Heimkehr des siegreichen Feldherrn und noch einmal bei der Ankunft des venezianischen Gesandten. Aber diese Massenszenen schaffen lediglich die nötige Fallhöhe für den Helden Otello, dessen eigentliches Drama, dessen innere Stürme sich im intimen Rahmen vollziehen.

Doch der wird hier nicht geschaffen - weder für die fatal scheiternde Verständigung zwischen Otello und Desdemona, noch für das versteckte Ränkenetz, das Jago auslegt und in dem sich Otello verfängt. So bleibt die Personenführung von Regisseur Volker Schmalöer seltsam unverortet, wenn Otello und Desdemona ihre Liebe und den Sternenhimmel auf der Metalltreppe sitzend besingen (allerdings mit einem von Sara Eterno und Ricardo Tamura herrlich abgetönten Schluss-Akkord).

Diese Ortlosigkeit verstärkt andererseits die Wucht, mit der Jago sein diabolisches Anti-Credo „Ich glaube an einen grausamen Gott, der mich nach seinem Bild geschaffen hat“ über die Bühne tanzt. Espen Fegran ist mit robustem Bariton kein schmeichlerischer, verdrückter Jago, sondern ein ebenbürtiger Widerpart Otellos.

Dem haucht er den Verdacht nur ein - wachsen kann er von allein. Die innere Orientierungslosigkeit, die nervöse Explosivität, aber auch die Schicksalsgläubigkeit des Außenseiters Otello, der seinem Glück („ich fühle Götterneid“) von Anfang an misstraut: Dies alles lässt Ricardo Tamura in seinem glänzenden Rollenporträt aufscheinen. Ein Tenor mit einer wunderbar offenen Stimme, der nicht nur die herrische Attacke beherrscht, sondern auch die zarten Lyrismen.

Und dessen Stimme sich hervorragend mischt mit dem klaren, nuancenreichen Sopran Sara Eternos. Wie eine Insel im Fluss der Ereignisse steht Desdemonas Lied von der Weide mit dem folgenden „Ave Maria“ im Raum - eine anrührende Verbindung von Selbstbewusstsein und Trauer.

Erkennt die Wahrheit: Otello (Ricardo Tamura) hält die tote Desdemona (Sara Eterno) im Arm.

So steuert das Geschehen auf die Katastrophe zu. Allerdings steht bei Schmalöer am Ende nicht Otellos Tod, sondern jähe Erkenntnis - und Aushalten der Wahrheit. Ein sensibler Schlusspunkt dieser Inszenierung, die nicht plattwalzt, was Verdis Musik differenziert vermittelt - und was Marco Comin zuverlässig, aber ohne große Zuspitzungen, zutage fördert. Erfreulich auch, wie homogen das gesamte Ensemble daran beteiligt ist: mit Dong Won Kim (Cassio), János Ocsovai (Rodrigo), Maren Engelhardt (Emilia), Krzysztof Borysiewicz (Montano) und Mario Klein (Gesandter).

Nächste Vorstellungen am 2., 5., 11. und 16. Februar. Karten unter Tel. 0561 / 1094-222.

Opernführer: Verdis „Otello“

Giuseppe Verdi hat in seiner vorletzten Oper „Otello“ (1887 in Mailand uraufgeführt) William Shakespeares gleichnamiges Drama mithilfe des Librettisten Arrigo Boito auf den Kernkonflikt zugespitzt. Die Handlung: Jago neidet dem siegreichen Feldherrn Otello den Erfolg und fühlt sich zudem zurückgesetzt. Um Otello ins Verderben zu stürzen, inszeniert er eine Intrige, die Otello glauben macht, seine Gattin Desdemona sei untreu und liebe seinen Freund Cassio.

In diese Intrige sind unwissentlich Cassio selbst, der in Desdemona verliebte Rodrigo und Jagos Gattin Emilia verstrickt. Otello, der als Dunkelhäutiger trotz seiner Erfolge gesellschaftlich auf Vorbehalte stößt, ist innerlich unsicher und glaubt Jago dessen Verdächtigungen. Ein klärendes Gespräch mit Desdemona ist nicht mehr möglich. Das Drama endet in der Katastrophe - Otello tötet Desdemona. Jago entkommt. (w.f.)

Rubriklistenbild: © Fotos: Klinger

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