Roswitha Quadflieg las aus ihrem neuesten Werk „Der Glückliche“ bei der Literaturmatinee im Bahnhof

Die Wahrheit hat viele Gesichter

Roswitha Quadflieg Foto:  nh

KASSEL. Roswitha Quadflieg sammelt Biografien, wird von Lebensläufen anderer fasziniert und gefesselt. So findet die 61-jährige, in Freiburg lebende Schriftstellerin die Initialzündung für ihre Romane („Requiem für Jakob“, „Beckett was here“). Die Anregung zu ihrem neuesten Buch „Der Glückliche“ gab ihr, wie sie bei der Literaturmatinee am Sonntagmorgen im Kulturbahnhof berichtet, ein Anwalt.

So entstand die genau recherchierte Geschichte des Arztes Leopold Wagner, der 1938 wegen Beleidigung Hitlers in eine Nervenheilanstalt eingewiesen wurde - ein Romandrama, komponiert aus zehn Stimmen. Zeugen allesamt, doch „die Wahrheit findet man nie“, sagt Roswitha Quadflieg.

Diese Spurensuche, das Fragen-Aufwerfen und nicht das Fragen-Beantworten, verleiht dem Werk Quadfliegs ihre innere Spannung und psychologische Dichte: Im Kulturbahnhof gibt die Autorin den Figuren, sieben aus dem unmittelbaren Familienkreis Leopold Wagners, dazu der Arzt, der Rechtsanwalt und ein Freund aus der Psychiatrie, mit Stimmduktus und lebendigem Vortragsstil unterschiedliche Charaktere.

„Der Glückliche“ kommt daher wie ein Romandrama, die Rollentexte kreisen um Leopolds vermeintlichen Unfalltod im Gebirge, drei Tage nach seiner Entlassung aus dem Irrenhaus, in dem er ganze 21 Jahre bleiben musste.

Vielleicht war die Psychiatrie die Rettung für diesen Leopold Wagner, ein Ort der Narrenfreiheit, in dem er die Nazizeit überleben konnte. Auch diese Frage wirft Roswitha Quadflieg auf, ebenso die nach dem Persönlichkeitsprofil des Arztes. War er ein Wüstling, ein Lebemann, ein Verschwender?

Alle Befragten entwickeln wie in einem Gerichtsprozess seinen Charakter aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln, nichts ist sicher, nichts bewiesen. Die Wahrheit hat eben viele Gesichter, die Familie ist ein Monster und dass der Roman in der Hitlerzeit spielt, ist dann doch letztlich nicht von Belang.

Ein spannendes Buch, zu dem Moderator Martin Maria Schwarz von hr2 kultur eine kenntnisreiche und sensible Einführung im Dialog mit der Autorin gab. Dass diese die Tochter von Schauspieler Will Quadflieg ist, sei hier nur deshalb erwähnt, weil ihre Romankunst der Schauspielkunst dann doch sehr nahe ist. Ein Buch wie ein Theaterstück.

Roswitha Quadflieg: Der Glückliche. Roman zu zehn Stimmen, Verlag Stroemfeld, 136 Seiten, 14,80 Euro.

Von Juliane Sattler

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.