"Waisen" im tif: Eine Familie am Abgrund

Sucht Zuflucht: Arthur Spannagel als Liam.

Kassel. Daheim am Küchentisch wird die große Weltordnung verhandelt. Und die Zuschauer sitzen auf Geschworenenbänken dicht dabei. Regisseur Martin Schulze gelingt es in seiner Inszenierung des Dramas „Waisen“ vom 43-jährigen Briten Dennis Kelly beeindruckend, im Privaten die großen Weltkonflikte unserer Zeit aufscheinen zu lassen.

Der Auftakt der Spielzeit am Kasseler Staatstheater auf der Studiobühne tif wurde am Donnerstag heftig beklatscht.

Daniel Roskamp (auch Kostüme) hat als Bühnenmittelpunkt einen riesigen weißen Tisch gebaut. An allen vier Seiten sind die Zuschauerbänke angeordnet - man sitzt mit am Tisch in der Privatheit eines Zuhauses, man sitzt aber auch zu Gericht. Über dieses Ehepaar, Helen und Danny, das beim Abendessen von Helens Bruder Liam besucht wird, der berichtet, er habe auf der Straße einem Verletzten geholfen. Bald wird deutlich, dass Liam selbst es war, der ihn niedergestochen hat.

Was tun? Die Polizei rufen? Rausgehen und helfen? Danny und Helen geraten über diese Diskussion gefährlich nah ans Ende ihrer Ehe.

Was ist die Richtschnur meines Handelns? Ein Gesellschaftsvertrag, ein übergeordneter Konsens, der allen nützt, weil sich alle an ihn halten ungeachtet des eigenen Vorteils? Oder das Wir gegen Ihr, das Verteidigen des eigenen Clans, gegen eine vermeintlich externe Bedrohung, das Gefühl, die da draußen sind Gegner? Eine Abwägung, die an den Konfliktherden unserer Welt bedrückend aktuell ist. Hier scheint sie im Hintergrund auf, Schulze lässt den Abend so auf subtile Art politisch werden, ohne das Thema aufzudrängen.

Nächsten Vorstellungen:

am 9., 11. und 31.10. jeweils um 20.15 Uhr, Karten unter Tel. 0561-1094-222.

Alina Rank und Arthur Spannagel erzählen als Geschwister Helen und Liam in ihrer Körpersprache noch eine weitere Geschichte: Die der titelgebenden Waisen, jener Kinder, die zeitlebens danach streben, in bessere Verhältnisse zu kommen. Alina Rank verändert subtil ihre Gestik, je nachdem, ob Helen mit ihrem Bruder oder ihrem Mann spricht. Dort lässt sie nachlässig-schlaksig die prollige Vergangenheit durchscheinen, hier den unbedingten Willen, sich gutbürgerlich zu situieren: grandios. Das neue Ensemblemitglied Arthur Spannagel gibt einen tollen Einstand als Liam, der in weißer Streetgang-Hose zwischen bubihaft und großmäulig oszilliert. Aus dem feingeistigen Sinnieren über gutes Olivenöl kann er übergangslos in den Ghetto-Sprech wechseln. Musikeinblendungen von Dirk Raulf strukturieren die Szenen, die sich rings um den Tisch abspielen.

Thomas Sprekelsen gibt Danny mit sanfter Stimme eine Megaportion Identifikationspotenzial. Er ist der aufrechte Jedermann, folgt dem inneren Kompass seiner Grundanständigkeit. Bis er am Ende mitten in den Zuschauerreihen sitzt und berichtet, wie er einen Menschen verletzt, schockt, foltert. Er will die Familie zusammenhalten und verliert sich selbst dabei. Wie er innerlich mit jedem Satz ein Stückchen mehr erlischt, ist beklemmend.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.